Archiv der Kategorie: Psychopharmaka

Hohe psychische Belastung bei IT-Technikern

Ständige Schlafstörungen sind besonders in der IT-Branche ein vernachlässigtes Problem. Das berichten indische Forscher um Sara Sarrafi Zadeh von der Universität Mysore in der Zeitschrift „Applied Research in Quality of Life“. Bei 35 Prozent der 91 IT-Techniker eines untersuchten Unternehmens konnten sie leichte, bei 21 Prozent schwere chronische Schlafprobleme feststellen. Die körperliche und psychische Verfassung der Untersuchten und ihre subjektive Lebensqualität stimme oft mit der Schlafqualität überein.
Dass sich das Problem nicht nur auf Indiens IT-Spezialisten beschränkt, betont Anja Gerlmaier vom Institut für Arbeit und Qualifikation IAQ der Universität Duisburg . Gerlmaier hat erst kürzlich mit Kollegen eine Studie zum Gesundheitszustand in der IT-Branche präsentiert und dabei besorgniserregende Zustände dokumentiert. „Die Schlafstörungen schienen auch in unserem Sample auf, wobei ein starker Zusammenhang zu Stress und zum Burnout-Syndrom besteht“, so die Expertin im pressetext-Interview.
Besonders die hochbeanspruchten IT-Techniker schlafen laut der deutschen Studie bei 331 Untersuchten schlecht – und zwar 54 Prozent von ihnen, womit dieses Problem häufiger ist als Rückenschmerz (46 Prozent),  Konzentrationsstörungen (45 Prozent), Magenleiden (35 Prozent) und Tinnitus (30 Prozent). Bei weniger beanspruchten IT-Technikern hat jeder fünfte Schlafstörungen, wobei Rücken- und Konzentrationsprobleme gleich oft vorkommen. Insgesamt ist jeder Vierte jeden Morgen müde und zerschlagen, jeder Dritte denkt ständig, er werde die Arbeit auf Dauer nicht durchhalten und 40 Prozent fühlen sich jeden Tag bei Arbeitsende „verbraucht“.
Dahinter steckt die enorme Stressbelastung, ist Gerlmaier überzeugt. „IT-Techniker sind mit ungeplanten Arbeiten, nicht realistisch kalkulierten und parallelen Projekten und teils kritischen Kundensituationen konfrontiert. Zudem macht ihnen auch die Virtualisierung der Arbeit zu schaffen. Sitzen die direkten Vorgesetzten in Texas, können sie diesen gegenüber eine zu hohe Belastung viel schlechter signalisieren.“ Die dauernde Anspannung sorgt für einen ständig hohen Adrenalinspiegel, wobei der Körper mit dem Abbau des Hormons nicht nachkommt. „Die Folgen sind Unruhe, Unfähigkeit des Abschaltens und der Erholung sowie erschwertes Einschlaf- und Durchschlafen.“

Die indischen Studienautoren schlagen vor, dass das richtige Schlafverhalten stärker in Lebensstil-Empfehlungen für die IT-Branche eingehen soll. Gerlmaier ist skeptisch. „Das Gesundheitsverhalten der IT-Techniker ist viel besser als beim Rest der Erwerbsbevölkerung. Sie rauchen selten, betreiben Sport und achten ohnehin mehr auf ihren Schlaf als andere.“ Kritik übt die Expertin jedoch auch an gängigen Präventionsangeboten. „Massagen, Yoga oder Stressprävention sind zwar gut, doch häufig sollen sie dem Mitarbeiter nur weismachen, er solle Belastungen als Herausforderungen sehen. Oft ist das eine Bagatellisierung.“

Eher werde man dem Problem durch konkrete Schritte einer Belastungsminderung gerecht. „Dazu gehört die Arbeitsgestaltung, jedoch auch die Beschränkung des Multitaskings. Günstig wäre, an höchstens zwei Projekten gleichzeitig tätig zu sein. In stressigen Übergangsphasen sollte man eigene Zielsetzungen überdenken und delegieren, da gerade Nebentätigkeiten viel Zeit fressen“, so Gerlmaier. Entscheidend sei jedoch auch eine gute Pausenkultur, zu der etwa gemeinsames Kaffeetrinken und Mittagessen beiträgt, sowie positive Freizeiterlebnisse. „Gerade bei Dauerstress verzichten viele auf Pausen. Das verschlimmert die Situation jedoch nur.“
Seien die Probleme auch ähnlich, könne man laut Gerlmaier die Arbeitssituation indischer IT-Entwickler dennoch nicht auf europäische Verhältnisse übertragen. „In Indien sind Großraumbüros mit fabriksmäßigen, unflexiblen Arbeitszeiten die Regel. Bei uns dominiert die Orientierung am Projekt und Arbeitstage dauern schon mal von 8 bis 22 Uhr, wenn es drängt.“ Viele deutsche Entwickler sind unter der Woche beim Kunden tätig. „Die oft vermutete Autonomie und Freiheit in der Arbeitszeit gibt es nicht, da Entwickler die anfallende Arbeitsmenge kaum beeinflussen können“, so die Expertin für Arbeitszeit und Arbeitsorganisation.

In welcher Gesellschaft wollen wir leben?

Habe soeben einen Artikel gefunden, den ich euch nicht vorenthalten möchte.
Nein ich will, dass alle lesen, was geschrieben steht…
Besonders gefallen tut mir:

Ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, in der Kommerz vor Kunst kommt. In der Erfolg wichtiger ist als Menschlichkeit, in der geschäftliche Rafinesse mit Intelligenz gleichgesetzt wird und in der nicht Erfahrung sondern Linientreue zählen. Ich möchte in keiner Gesellschaft leben, in der „Der Kunde ist König“ wörtlich genommen wird und sich Dientleister wie Bauern im 16.  Jahrhundert ihren Feudalherren beugen sollen, ohne das diese Praxis zumindest von den Betroffenen selbst als fragwürdig  empfunden wird.

Wenn man Ende 20 länger als für einen Moment, den andere kollektiv für´s vielbeschworene Gemeinschaftsgefühl nutzen,  überlegt, ob man das alles den Rest seines Lebens erträgt, dann hat man entweder Depressionen oder einfach die Schnauze voll  von einem „System“, an dessen Implementierung man etwa so viel Zutun hatte, wie der eigenen Geburt.

Mal aus dem Nähkästchen geplaudert: Ich allein KENNE in meinem Bekanntenkreis 6 Leute, die Therapien gebraucht haben, weil sie depressiv waren oder zumindest Hilfe gesucht haben. Die viel zitierte Dunkelziffer… keine Ahnung! Aber dieser Trend ist beängstigend und da hat keiner ein Familienmitglied verloren, oder spielt wöchentlich vor zigtausend Menschen Fußball.

Nein, die Leute sind einfach auf. Fertig, weil sie immer funktionieren müssen. Weil es keine Schwäche geben darf, weil sonst  jemand anders den Job macht, der belastbarer ist. Aspiranten gibt´s genug, das Aspirin wird knapp. Und wenn es nicht der Job ist, dann die Kohle. Man verdient 3.000 brutto und hat am Ende 400 zum leben. Warum? Weil man studieren wollte und nebenbei nicht arbeiten konnte. Oder, weil die Nebenkostenabrechnung mal eben so bei 800 EUR+ ansetzte. Dazu kommt, dass die Karre kaputt ist, man ins Krankenhaus musste. Oder die Partnerschaft zerissen ist, was Neukauf von Möbeln, Umzug etc. bedeutet…

Da tanzt man auch nicht ständig nackig über ne Blumenwiese und pfeift „Oh wie ist das schön!“. MAN, die Leute haben Existenzängste. Und das in einem Land, dass als Global Player beim Export mitspielt. Was wir vorallem exportieren? Gefühlt sind es Arbeitsplätze, aber was weiß ich schon? Aber warum zum Henker geht es einigen denn so schlecht? Oder zumindest nicht sooooooooooooo gut? Weil es einigen wenigen nie gut genug geht.

http://totalerscheiss.wordpress.com/2009/11/24/in-welcher-gesellschaft-wollen-wir-leben/

In welcher Gesellschaft wollen wir leben?
Nicht so einfach zu beantworten. Die ganze Wut auf’s System sitzt tief. Die Anzahl der Leute am Rande, von Armut bedroht oder betroffen wächst. Das System hat viele abgehängt oder sie haben sich selbst vom System verabschiedet, oder zumindest das Vertrauen gehörig verloren. Auch wenn du in der glücklichen Lage bist (noch) keine Depression zu haben, oder bei dir die Medikamente gut wirken, trotzdem ist doch die Überlegung interessant, welche die Initiative Grundeinkommen
aufwirft:
(für allgemeine Infos über die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens und die Situation in anderen Ländern, siehe auch hier)

Was würden Sie arbeiten, wenn für Ihr Einkommen gesorgt wäre?
Würdest du denselben stupiden Job mit dem nörgelnden Chef weiterhin Tag für Tag ertragen, dich hinschleppen, Medikamente schlucken, nur damit du es weiterhin aushälst, nur damit du durchhälst?
Oder würdest du deine Lebenszeit nicht eher nutzen für Arbeiten, die dir wirklich Spass machen? Eine Betätigung, die dir Befriedigung bringt, und ethisch/moralisch ok ist, ja schlicht für dich stimmt, deinen Fähigkeiten und Belastbarkeit angepasst.

Was hiesse dies für unsere Gesellschaft, wenn die Mehrheit der Leute etwas anderes arbeiten würden, wenn für Ihr tägliches Einkommen gesorgt wäre? Ist unser (sozial)-(neo)-kapitalistisches System nicht schon selbst dabei, sich ausser Kraft zu setzen? Es braucht noch ein wenig Zeit – die Mächtigen und Korrupten stützen ihren Unterdrückungsmaschinerie -, aber die Auflösung eines Systems beginnt immer in den Köpfen der Menschen.

Ritalin boomt: 8x Absatz in einem Jahrzent

Der Absatz von Ritalin-Präparaten hat sich in einem Jahrzehnt verachtfacht. Nun wollen Politiker wissen, warum.

Kinder und Jugendliche mit Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom – oft «Zappelphillippe» genannt – werden mit Ritalin und verwandten Produkten behandelt.

Der Boom der drei Medikamente Ritalin, Concerta und Medikinet ist in der Schweiz ungebrochen. 2008 wurde ein Fünftel mehr Packungen der Mittel verkauft, die gegen das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADHS) bei Kindern und Jugendlichen eingesetzt werden, als ein Jahr zuvor. Damit hat sich der Schweizer Ritalin-Markt innerhalb eines Jahrzehnts verachtfacht.

Die Schweizerische Heilmittelkontrolle Swissmedic geht davon aus, dass der Markt für diese starken Stimulanzien auch in Zukunft ungebrochen wachsen wird. Ihre Wirkung ist mit derjenigen von Amphetaminen zu vergleichen. Unklar bleibt, an wen und in welcher Menge die Medikamente abgegeben werden. Kritiker vermuten, dass Ärzte und Psychologen die Medikamente vermehrt auch Erwachsenen verschreiben. «Dafür haben wir keine Anzeichen», heisst es bei der grössten Schweizer Krankenversicherung, Helsana, die Verschreibungen an Erwachsene im Einzelfall prüfen muss.

Besorgte Politiker gehen deshalb davon aus, dass das Wachstum dieses Marktes in erster Linie auf der lockeren Verschreibungspraxis in der Kinder- und Jugendpsychiatrie beruht. Der Kanton Zürich untersucht gegenwärtig die Verschreibungszahlen an den Volksschulen. Nun gibt es auch auf nationaler Ebene Bestrebungen, detaillierte Daten darüber zu erheben, an wen die meldepflichtigen Medikamente abgegeben werden. «Die Pharmamultis operieren in einem geschützten Markt und verkaufen immer mehr dieser Medikamente. Damit tragen sie erheblich zu den steigenden Gesundheitskosten bei», sagt FDP-Nationalrat Otto Ineichen.

Die Gegner der medikamentösen ADHS-Behandlung misstrauen insbesondere den Kinderärzten. Im Internet publizieren sie deren Verbindungen zu den drei Herstellerfirmen Novartis, Janssen-Cilag und Salmon Pharma. Zahlreiche Ärzte legen ihre Verbindungen zu diesen Firmen freiwillig offen.

Experten schätzen, dass inzwischen in jeder Klasse ein bis zwei Ritalin-Schüler sitzen. Die Statistik untermauert diese Annahme: Ritalin hat in den letzten zehn Jahren einen regelrechten Boom erlebt – in dieser Zeit stieg der Absatz von Medikamenten gegen das Aufmerksamkeits-Syndrom (ADHS) um den Faktor acht, wie die Schweizerische Heilmittelkontrolle Swissmedic kürzlich mitteilte. Swissmedic geht davon aus, dass der Ritalin-Markt auch in Zukunft ungebrochen wachsen wird.

Viele Lehrer und Psychologen fragen sich nun, ob die Zahl von Kindern und Jugendlichen, die an ADHS leiden, im gleichen Mass zugenommen hat. Urs Strasser, Rektor der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik in Zürich, hat eine andere Vermutung: Er glaubt, dass die Hausärzte das Medikament vermehrt abgeben und so zur Steigerung beitragen.

Nebenwirkungen vernachlässigt

«Allgemeinpraktiker geben Ritalin auf Druck der Eltern unter Umständen schneller ab als Kinder- und Jugendpsychiater», sagt Urs Strasser. Das hat jedoch einen entscheidenden Nachteil: Laut Strasser steigt dadurch das Risiko, dass die Hausärzte die «flankierenden Massnahmen» bei der Ritalin-Vergabe nicht «sorgfältig realisieren». Diese seien jedoch unverzichtbar für die Schüler, da Ritalin Nebenwirkungen haben kann – unter anderem Nervosität, Depressionen, Appetit- und Schlafstörungen – und Kinder wie Eltern psychologisch begleitet werden müssten.

Dass viele Kinder mit Verdacht auf ADHS beim Hausarzt landen, hat noch einen anderen Grund: «Ritalin macht nur einen Bruchteil der Kosten einer Psychotherapie aus und ist weniger aufwändig», sagt Strasser. Zudem sei ADHS zur Modediagnose geworden; die «Wunderdroge» Ritalin suggeriere, man könne die Probleme von verhaltensauffälligen Kindern auf einfache Art und Weise lösen. «Andere Behandlungsmöglichkeiten werden dann gerne ausser Acht gelassen, da Ritalin in der Tat oft wirkt und eine Besserung bringt.»

Schüler nehmen länger Ritalin

Einen Teil des Anstiegs erklärt sich Strasser auch mit dem neuesten Wissensstand, wonach Jugendliche in der Pubertät nicht aus ADHS «rauswachsen» würden. «Früher nahmen Schüler von 7 bis 14 Jahren Ritalin, heute wird es bis 21 und älter verschrieben.» Das erklärt die Verachtfachung des Ritalin-Absatzes jedoch bei weitem nicht.

Auch Karl Diethelm, Leiter des Sonderpädagogischen Zentrums für Verhalten und Sprache in solothurnischen Bachtelen, kritisiert die lockere Verschreibungspraxis der Hausärzte. «Das ist sicher eine Erklärung für den steigenden Ritalin-Absatz.» Denn die Kinder- und Jugendpsychiatrie im Kanton Solothurn hätte im Gegensatz dazu nicht mehr Ritalin verschrieben in den letzten Jahren – sondern sei eher zurückhaltender geworden. Das Hauptproblem sieht Diethelm in der unkontrollierten Ritalin-Abgabe durch gewisse Hausärzte: «Es sind mir Fälle bekannt, wo Kinder jahrelang Ritalin auf Verschreibung des Hausarztes schluckten. Sie überprüften nicht, ob dies überhaupt nötig ist.»

Hausärzte sollen Schulbank drücken

Für Diethelm ist klar: Eine Bildungsoffensive bei den Hausärzten könnte die rasante Zunahme von Ritalin-Schülern stoppen. Als härtere Massnahme schlägt er vor, dass Allgemeinpraktiker künftig kein Ritalin mehr verschreiben dürfen. Dies solle Kinder- und Jugendpsychiatern vorbehalten sein.

siehe auch https://radiob.wordpress.com/2007/12/01/psychopharmaka-geschaft-ohne-gewissen/

Tipps gegen Burnout in der IT

Tipps gegen das Burnout-Syndrom bei ITlern

Was mit vergleichsweise harmloser Gereiztheit und Schlafstörungen beginnt, endet oft mit Angstzuständen und Depressionen: Unter Erschöpfungssyndromen leiden auch viele Mitarbeiter in der IT. Das Rhein-Ruhr-Institut für Sozialforschung und Politikberatung (RISP) an der Uni Duisburg-Essen entwickelt in einem bis 2010 dauernden Projekt deshalb Strategien für einen präventiven Gesundheitsschutz in der IT-Branche. Das aktuelle Arbeitspapier „Burnout in der IT-Branche“ entstand in Kooperation mit sechs Unternehmen und richtet sich an Beschäftigte, Personalleiter und Firmenleitungen.

Das Papier beschreibt zunächst die Warnsignale von Burnout: Sie laufen in drei Dimensionen ab und äußern sich in Gefühlen, körperlichen Symptomen, dem Verhalten zur Arbeit und dem Umgang mit der Umwelt: Der emotionalen und physischen Erschöpfung folgen Zynismus, Demoralisierung und Entfremdung. Am Ende fehlt das Engagement für die Arbeit und Versagensängste machen sich breit.

Einer kritischen Würdigung unterzogen werden die immer zahlreicheren Selbst-Tests sowie die unterschiedlichen Erklärungsansätze, die entweder die wesentlichen Ursachen beim Individuum oder im betrieblichen Umfeld sehen. Vor allem aber gibt die Autorin, Ursula Kreft, Anregungen für betriebliche Maßnahmen und individuelle Verhaltensänderungen. Unternehmen sollten ein umfassendes Gesundheitsmanagement anstreben, mit verbindlichen Arbeitszeitregelungen und Pausenzeiten. Wichtig sei auch eine funktionierende innerbetriebliche Kommunikation, um belastende Faktoren im Arbeitsprozess zu identifizieren.

Zum persönlichen Selbsthilfeprogramm gehöre zum einen, für einen körperlichen und seelischen Ausgleich zu sorgen. Man sollte aber auch das eigene Arbeitsverhalten angehen: für Puffer im Terminkalender sorgen, regelmäßige, kurze Pausen einlegen. Allerdings, so betont die Autorin als Quintessenz des Arbeitspapiers, seien individuelle Bemühungen zum Misserfolg verdammt, wenn der Betrieb nicht mitzieht.

IT Jobs machen psychisch krank

Achtung Gefahr: Programmieren macht krank!

Leiden Sie unter chronischer Müdigkeit, Nervosität, Schlafstörungen und Magenbeschwerden? Haben Sie Mühe, einfach mal abzuschalten und sich zu erholen? Dann befinden Sie sich in guter Gesellschaft. Noch vor zehn Jahren galten IT-Arbeitsplätze als wenig monoton und psychisch kaum belastend. Das hat sich geändert.

Das Rhein-Ruhr-Institut für Sozialforschung und Politikberatung der Universität Duisburg hat im Rahmen seines Projektes ‚Präventiver Gesundheitsschutz in der IT-Branche‘ ein Arbeitspapier veröffentlicht, in dem anhand von Befunden aus der aktuellen Literatur mögliche Gründe für die Zunahme gesundheitlicher Probleme in der IT-Branche zusammengestellt sind.

So scheint etwa das projektbezogene Arbeiten vieler IT-Leute gesundheitliche Gefahren zu bergen.
An der Schnittstelle zwischen Anbieter und Kunden können verschiedene widersprüchliche Situationen entstehen, welche sich psychisch belastend auf die Mitarbeitenden in der Entwicklung auswirken können. So müssen zum Beispiel im Verlauf eines Projekts häufig zusätzliche Kundenwünsche erfüllt werden, ohne dass Budget und Zeitplan angepasst würden. Oder Entwickler sollen massgeschneiderte Lösungen ins Blaue hinaus abliefern, ohne den Echtbetrieb beim Kunden zu kennen. Das alles mündet schliesslich in erhöhtem Zeitdruck, und nicht selten kollidieren Arbeits- und Lebenswelt. So entsteht Stress und aus anhaltendem Stress wird irgendwann ein ausgewachsenes Burnout.


Überforderung vorprogrammiert

Ein anderes Phänomen ist die „Taylorisierung der IT-Arbeit“, wie der Trend zur „Kleinteiligkeit“ im Bericht genannt wird. Weg vom Prozess, hin zum Modul: IT-Arbeitskräfte werden zur Fliessbandarbeit degradiert und verlieren den Bezug zum „Grossen Ganzen“.

Gleichzeitig haben sich seit den 90er Jahren neue Managementkonzepte durchgesetzt. Mitarbeitende sollen vereinbarte Ziele selbstverantwortlich erreichen. Sie erhalten mehr Selbstbestimmung und Freiheit, tragen allerdings auch mehr Verantwortung. Seit die rosige Blase geplatzt ist und sich die Wirtschaftslage für die „neuen“ Wirtschaftszweige normalisiert hat, hat sich diese Freiheit zur potenziellen Belastung gewandelt. „Die Ziele, die IT-Beschäftigte selbstverantwortlich erreichen sollen, werden immer schwieriger
zu bewältigen“, heisst es in einer der erwähnten Studien.

Veränderte Leistungsbeurteilung trägt das ihre zur Veränderung der Arbeitssituation bei. Leistung wird nicht mehr über Aufwand, sondern über Ergebnisse bewertet. Das führt dazu, dass man sich immer wieder
aufs Neue beweisen muss. Das führt zum permanenten Druck zur Weiterbildung, die oft auch mal in der Freizeit erfolgen soll.


„Klimawandel“ bedroht IT-Dinosaurier

Eine weitere Tendenz macht die Wissenschaft in der Veränderung des Betriebsklimas aus. Das traditionell hohe Arbeitsaufkommen sei früher durch eine „spezifische betriebliche Sozialordnung“ erträglich gewesen.
Diese gehe verloren. Sprich: die Vertrauenskultur, die flachen Hierarchien und die Identifikation der Mitarbeitenden mit Inhalten und Produkten ihrer Arbeit weicht dem Primat der Effizienz und der Kostenoptimierung.

Auch der gesellschaftliche Wandel nagt am Wohlbefinden in den Entwicklerbüros. Die früher als sicher geltenden IT-Jobs sind heute Personalabbauphasen und Auslagerungen ausgesetzt. Die Angst vor Arbeitslosigkeit belastet und setzt Beschäftigte unter Druck. Und: auch IT-Angestellte werden älter. Der demografische Wandel macht vor der Branche nicht halt. Eine der Studien kommt zum Schluss, mit 40 sei man als IT-Mensch schon „ein halber Methusalem“. Als solcher befindet man sich in einer Unternehmenskultur, die sich an Jugendlichkeit orientiert. Oft gelte man als leistungsschwacher Dinosaurier.

Programmierer nehmen häufiger Psychopharmaka
In der Folge haben die Forscher Bemerkenswertes herausgefunden. Eine der Studien weist für IT-Beschäftigte in den untersuchten Projekten viermal häufigeres Auftreten psychosomatischer
Beschwerden aus als in anderen Berufsgruppen. Eine andere Untersuchung zeigt, dass psychische Krankheiten in der Branche weit verbreitet sind. Der Gebrauch von Antidepressiva ist um 60 Prozent höher. Allgemein nehmen IT-Angestellte in Deutschland fast doppelt so häufig (um 91 Prozent höherer Gebrauch)
Psychopharmaka wie der Durchschnitt der Beschäftigten.

Als reichten all die Faktoren psychischer Belastung noch nicht: die verschärften Arbeitsbedingungen schädigen auch die menschliche Hardware! Dass Dauerstress, Überarbeitung und Frustration über nicht erreichbare Ziele dem Körper nicht gut tun, liegt auf der Hand. Hinzu kommen mangelnde
Bewegung (die sich meist auf den Gang in die Kantine beschränkt), verkrüppelte Haltungen vor dem Bildschirm und natürlich: unausgewogene Ernährung. Der Mythos vom Nächte durcharbeitenden Computerfreak, der sich von Limos und Junk-Food ernährt, entspricht wohl auch ein Stück weit der Realität.


Geben und nehmen

Soweit die Forschungsergebnisse aus Deutschland. Das düstere Bild, das sie von den Arbeitsbedingungen in den IT-Abteilungen und Entwicklungsfirmen zeichnen, lässt sich wohl auch auf die Schweiz übertragen.
„Unsere Branche ist sehr arbeitsintensiv“, bestätigt Gabriela Keller, die beim Schweizer Software-Hersteller Ergon für das Personal verantwortlich ist. Das Unternehmen hat verschiedene Massnahmen getroffen, um seine Mitarbeiter nicht zu „verheizen“. „Nur wer sich gut fühlt, schreibt auch gute Software“, sagt Keller. So werden beispielsweise Überstunden bei Ergon nicht ausbezahlt. Wer phasenweise
mehr arbeitet, muss dies mit mehr Freizeit kompensieren. Und die Gestaltung der Wochenarbeitszeit ist flexibel. Ob während fünf Tagen acht Stunden oder an vier Tagen zehn Stunden gearbeitet wird, bestimmt man selbst. Viele Mitarbeitende sind ohnehin zu 80 Prozent angestellt. Um sich weiterzubilden, hat jeder ein Budget und ein Zeitfenster innerhalb der Arbeitszeit, über das frei verfügt werden kann.

Keller schätzt auch die körperliche Fitness in ihrem Betrieb als gut ein. „Unsere Mitarbeiter sind im Schnitt sehr sportlich.“ Viele würden sich über Mittag zu Gruppen zusammenschliessen und joggen oder Fussball
spielen gehen- in der eigens angemieteten Halle, bezahlt vom Arbeitgeber. Wer auf inneres Gleichgewicht setzt, kann die Yogastunde im Dachgeschoss besuchen. Ergon, das IT-Arbeits-Paradies auf Erden? „Nein, ich glaube, dass viele Firmen in der Schweiz ähnlich funktionieren“, relativiert die Personalchefin.

Das hingegen bezweifelt Marc Werlen, der als Marketingleiter bei Netcetera zwar nicht selbst entwickelt, die Branche aber dennoch kennt. „Längst nicht alle Managements haben eingesehen, wie wichtig das
Wohlbefinden der Mitarbeitenden ist“, kritisiert er. Mit Features wie einem ausgeklügelten Beleuchtungssystem, ergonomischen Arbeitsplätzen und der Möglichkeit zum Hallensport über Mittag positioniert sich auch sein Unternehmen unter den fortschrittlichen Musterknaben. „Die Komplexität der Lösungen nimmt zu, Druck und Eigenverantwortung sind hoch“, bestätigt Werlen die
Studienresultate.

Doch das müsse nicht unbedingt negativ sein. Mehr Verantwortungsbewusstsein und mehr Effizienz seien Anzeichen eines stetig wachsenden Professionalisierungsgrades. Und schliesslich habe die IT-Branche
auch einzigartige Möglichkeiten eingeführt, wie das Arbeiten von zu Hause. Von einem allgemeinen Trend zur Optimierung der Arbeitsbedingungen und attraktiven Zusatzleistungen könne zwar noch nicht gesprochen werden. Wie die Ergon-Personalchefin ist auch der Marketingchef aber überzeugt: „Zufriedene
Mitarbeiter erbringen gute Leistungen. Und wo immer mehr geleistet werden muss, braucht es Gegenleistungen. (Amir Ali)

(Interessenbindung:
Ergon und Netcetera bauen und betreiben die Betriebsplattform von inside-it.ch
und sind wichtige Kunden des Verlags.)

Embryonen: Mix aus Mensch und Tier

Britische Forscher schaffen Embryonen aus Mensch und Tier

Britische Forscher haben
Embryonen aus menschlichem Erbgut und Eizellen von Tieren geschaffen.
Die Erzeugung dieser Chimären sei ein wichtiger Erfolg für die
Stammzellenforschung, erklärte die Universität von Newcastle.


Bild: Keystone

Die Experimente sind umstritten

Die Embryonen aus menschlichem Erbgut, das aus Hautzellen gewonnen wurde, und Eizellen von Kühen seien nach drei Tagen zerstört worden.
Gemäss Sondergenehmigung hätten sie spätestens nach 14 Tagen vernichtet werden müssen.

Die Forscher in Newcastle unter Leitung des Stammzellenforschers Lyle Armstrong kündigten einen weiteren Versuch an, mit welchem sie die Hybriden sechs Tage leben lassen wollen.

Sollten auch diese Versuche erfolgreich verlaufen, könnten nach den Vorstellungen der Forscher auch Embryonen aus Mensch und Kaninchen, Ziegen und anderen Tieren entstehen.

Ähnliche Experimente wollen auch Stammzellenforscher am King’s College in London unternehmen. Auch sie haben dafür bereits eine
Sondergenehmigung der britische Embryologie-Behörde HFA erhalten.

Die Wissenschafter wollen feststellen, ob sich Chimären-Stammzellen für die Behandlung schwerer Krankheiten nutzbar machen lassen.

In Grossbritannien ist im Unterschied zu den meisten anderen europäischen Ländern die Herstellung von Hybrid-Embryonen zu
Forschungszwecken seit 2007 erlaubt.

Tierische Eizellen stünden im Gegensatz zu menschlichen unbegrenzt zur Verfügung, sagte John Burn, der Leiter des Instituts für
Humangenetik der Universität von Newcastle, zur Begründung.

„Menschliche Eizellen sind sehr wertvoll und entsprechend schwer zu bekommen. So kamen wir auf die Idee, den Mangel durch die Verwendung von Kuh-Eizellen zu überwinden“, erläuterte er.

(sda)

Psychisch krank

Beobachter 05/08

Psychisch krank

Das verkannte Leiden

Text: Matieu Klee
Bild: Sanna Lindberg, Daniel Ammann, Markus Forte, Roland Schmid

Der steigende Druck in der Arbeitswelt zwingt mehr und mehr Leute in die Knie. Rund ein Viertel der Bevölkerung leidet bereits an einer psychischen Erkrankung. Die 5. IV-Revision hat die Luft für sie noch dünner gemacht.

Am Anfang drehte sich die Abwärtsspirale bei Andreas Springer noch ganz langsam, kaum wahrnehmbar. Er ist jung, steckt voller Pläne und ist zufrieden mit seinem Job. Doch mit seinem beruflichen Aufstieg wachsen auch Verantwortung und Belastung. Eine psychische Krankheit schleicht sich in sein Leben: eine Angsterkrankung, Fachbegriff: Agoraphobie. Er hält sich mit Beruhigungsmitteln über Wasser, nach einiger Zeit funktioniert er nur noch mit Tabletten. Schliesslich kommt es zum Eklat: Die Krankheit obsiegt. Er wird arbeitsunfähig (siehe am Artikelende in der Box «Artikel zum Thema» den Eintrag «Andreas Springer: ‹Ich schäme mich nicht›»).

Andreas Springer ist einer von 710’000 Menschen in der Schweiz, die an einer Angsterkrankung leiden. Diese Zahl geht aus einer neuen Studie der Universität Zürich hervor. Alle psychischen Krankheiten wie Depressionen oder Schizophrenie eingerechnet, leidet rund ein Viertel der Schweizer Bevölkerung – oder zwei Millionen Menschen – an einer psychischen Störung. Damit ist diese Krankheitsgruppe mit Abstand Volkskrankheit Nummer eins – und wird dennoch weiterhin verkannt. Die Betroffenen kämpfen gegen Stigmatisierung und gegen das hartnäckige Vorurteil, ein starker Wille würde genügen, um die Störung zu überwinden.

«Wir haben all diejenigen gezählt, die wegen ihres psychischen Leidens behandlungsbedürftig sind», erklärt Studienautor Wulf Rössler von der Psychiatrischen Uniklinik Zürich. «Behandlungsbedürftig» heisst konkret, dass die Betroffenen nur noch eingeschränkt funktionieren. Rasant zugenommen hat vor allem die Zahl der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die wegen einer psychischen Krankheit ihrem Beruf nicht mehr nachgehen können: Innerhalb von zehn Jahren hat sich ihre Zahl auf nahezu 100’000 verdoppelt. Insgesamt beziehen in der Schweiz rund 250’000 Personen eine IV-Rente.

Das Stigma «Scheininvalide»

Bei einer psychischen Krankheit beweist kein Röntgenbild objektiv und unbestreitbar den Defekt. Die Betroffenen stehen denn auch in der politischen Debatte rasch unter dem Generalverdacht, einfach arbeitsscheu zu sein. Mit der 5. IV-Revision wurden psychisch bedingte IV-Fälle speziell ins Visier genommen, mit dem Ziel, die defizitäre Invalidenversicherung zu sanieren. Alles Scheininvaliden? Fachleute sind sich einig: Der Anteil jener, die nicht arbeiten wollen, ist verschwindend klein. «Natürlich gibt es Drückeberger, aber das sind maximal vier Prozent. Die anderen 96 Prozent würden sich eine Hand abhacken lassen, nur um wieder in ihren Beruf zurückkehren zu können», ist der renommierte Sozialpsychiater Rössler überzeugt.

Wie aber lässt sich der sprunghafte Anstieg von psychisch bedingten IV-Fällen dann erklären? Hans Kurt, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, der in seiner Praxis in Solothurn täglich selbst psychisch kranke Menschen behandelt, glaubt, dass gesellschaftliche Veränderungen dafür verantwortlich sind: «Die Welt wird immer komplizierter, die Belastungen nehmen zu, und das führt bei vielen Menschen zu diffusen Ängsten», sagt er. Ähnliche Beobachtungen macht auch Holger Hoffmann, der bei den Psychiatrischen Diensten Bern ein Projekt zur Wiedereingliederung psychisch Kranker ins Berufsleben leitet: «In der heutigen Gesellschaft kann sich jeder selbst verwirklichen. Der Preis dieser Individualisierung ist, dass die Gesellschaft immer weniger integrierend wirkt: Angeschlagene finden kaum noch Nischen.»

Das gilt vor allem für die Arbeitswelt. Tausende von Stellen mit einfacheren Tätigkeiten für Arbeitskräfte ohne akademischen Titel sind in den letzten Jahren verschwunden oder ins Ausland verlagert worden. Die Arbeitswelt hat sich mit Computern und Internet komplett verändert. «Auf diese Umstellung waren viele nicht vorbereitet. Sie fühlen sich überfordert, ihr Stress hat zugenommen. Heute muss alles rentieren, koste es, was es wolle. Wer bis anhin knapp mithalten konnte, fällt nun raus», sagt Hoffmann.

Der berühmte Tropfen zu viel

Eine Einschätzung, die Bettina Bärtsch teilt. Sie arbeitet an der Psychiatrischen Uniklinik Zürich, ist dort verantwortlich für die berufliche Wiedereingliederung von Betroffenen. «Viele sind bereits stark vorbelastet durch ihre familiäre Situation oder ihre Persönlichkeitsstruktur. Sie können lange am Arbeitsplatz funktionieren, bis irgendein Tropfen das Fass zum Überlaufen bringt», so ihre Erfahrung. Das kann eine Trennung, ein Todesfall oder aber auch ein Chef sein, der mehr Druck aufsetzt. Am meisten gefährdet seien Menschen, die ihre eigenen Bedürfnisse nicht wahrnehmen oder unterdrücken, sagt Bärtsch. Wer Konflikte vermeide, statt sie auszutragen, wer Ärger runterschlucke, statt sich zu wehren, der könne irgendwann nicht mehr.

Trotz rund zwei Millionen Betroffenen in der Schweiz sind die meisten dieser psychischen Störungen nach wie vor tabu. «Eine psychische Krankheit ist weitgehend unsichtbar und für Angehörige, aber auch für die Betroffenen selbst schwer fassbar», schreibt etwa der Vater einer psychisch Erkrankten in der Online-Umfrage, die der Beobachter lanciert hat (Stimmen zum Thema: siehe am Ende des Artikels). Nur langsam wird dieses Tabu aufgebrochen – meist dann, wenn für eine Krankheit ein neuer Begriff auftaucht wie beim Burn-out. «Die Gesellschaft akzeptiert ein Burn-out viel eher als eine Depression. Beim Burn-out ist der Arbeitsplatz schuld, bei der Depression der Betroffene selbst – so die vorherrschende Meinung», erklärt Psychiater Rössler. Der Fachmann rät denn auch jedem Klinikpatienten, nicht leichtfertig von seiner Krankheit zu erzählen. Denn wer in der Gesellschaft noch als Sonderling durchgegangen sei, der werde, nachdem er sich geoutet habe, oft stigmatisiert und ausgegrenzt. Das hat der Wissenschaftler in einer Studie nachgewiesen: So würde jemand, der an Schizophrenie litt, aber schon seit Jahren geheilt ist, nur gerade von vier Prozent der Bevölkerung als Babysitter akzeptiert.

Menschen auf dem Abstellgleis

Die 5. IV-Revision, die seit Anfang Jahr in Kraft ist, hat vor allem das Ziel, Kosten einzusparen. Bereits sind die Hürden für eine IV-Rente höher geworden. «Der Zugang zu einer IV-Rente für Menschen mit psychischen Leiden ist schwieriger geworden. Heute müssen viele Rentengesuche abgelehnt werden, bei denen man davon ausgehen muss, dass die Betroffenen den Einstieg ins Berufsleben nie wieder schaffen werden», so der nebenamtliche Bundesrichter Andreas Brunner. Besonders hart ist das, weil bei einem ablehnenden Entscheid auch Ergänzungsleistungen und die zweite Säule wegfallen. Betroffenen bleibt meist nur noch der Gang zur Sozialhilfe.

Mit dem Schlagwort «Eingliederung vor Rente» sollen möglichst viele von der IV ferngehalten werden. «Dahinter steckt die Erkenntnis, dass man psychisch Angeschlagene bisher zu rasch krankgeschrieben und sich zu wenig um ihre Rückkehr ins Erwerbsleben gekümmert hat», sagt der Freiburger Rechtsprofessor und Sozialversicherungsexperte Erwin Murer. Doch sind Firmen überhaupt interessiert daran, angeschlagene Leute zu beschäftigen? «Die Bereitschaft, diese Menschen einzustellen, ist massiv gesunken, denn sie sind bei Arbeitgebern mit Stereotypen wie Unberechenbarkeit, Unheilbarkeit und Gefährlichkeit behaftet», schreibt der Psychiater Hans-Christian Kuhl in einer Studie über die Chancen von psychisch Kranken auf dem Arbeitsmarkt.

Es gibt allerdings auch Arbeitgeber, die sich der Herausforderung stellen. Je geringer das wirtschaftliche Risiko, desto eher seien Firmen bereit, psychisch Kranke zu beschäftigen, lautet die Erfahrung von Holger Hoffmann, der in Bern ein Projekt leitet, das sich dem neuen Zauberwort «supported employment» verschrieben hat, übersetzt: «unterstützte Beschäftigung». Dabei werden die Betroffenen statt in einer geschützten Werkstatt, die vom normalen Arbeitsprozess abgekoppelt ist, wieder möglichst nah an den ordentlichen Arbeitsmarkt herangeführt. Wenn sowohl der Lohn der eingeschränkten Leistung angepasst werden könne als auch ein Jobcoach den Betroffenen betreue, dann seien Unternehmen durchaus bereit, Arbeitsplätze zur Verfügung zu stellen, hat Hoffmann festgestellt.

Eine Firma, die schon vor 25 Jahren begann, solche Arbeitsplätze einzurichten, ist der Möbelhändler Pfister aus Suhr. Die Firma bietet rund ein Dutzend Stellen für Psychiatriepatienten im normalen Arbeitsprozess an: im Lager, in der Administration, im Personalrestaurant oder bei der Reinigungsequipe. Dort sollen die Betroffenen ganz normal arbeiten können, müssen jedoch nicht die gleiche Leistung erbringen wie die gesunden Mitarbeiter. «Ein chronisch psychisch Kranker kann und muss keinen gesunden Mitarbeiter ersetzen», sagt Mediensprecher Luca Aloisi.

Den Beschäftigten soll in erster Linie überhaupt der Wiedereinstieg in ein geregeltes Erwerbsleben gelingen. Grundvoraussetzung für den Erfolg seien motivierte Teilnehmer und ein ebenso motiviertes, geduldiges und tolerantes Team, so die Bilanz nach 25 Jahren Erfahrung. «Ob es tatsächlich gelingt, hängt immer von der Persönlichkeit, der Krankheit und deren Schweregrad ab», sagt Aloisi. Einige seien nach kurzer Zeit so weit integriert, dass sie kaum noch spezielle Aufmerksamkeit benötigten, andere bräuchten länger oder erreichten nie die erhoffte Stabilität. Trotzdem wachsen auch bei Pfister die Bäume nicht in den Himmel. «Den Schritt in den normalen Arbeitsmarkt schaffen nur ganz wenige», sagt der Mediensprecher.

Der harte Weg zurück in den Alltag

Auch die Zürcher Stiftung Espas hat sich zum Ziel gesetzt, angeschlagene Menschen wieder so fit zu machen, dass sie dem rauen Wind auf dem Arbeitsmarkt trotzen können. Dieses Ziel zu erreichen ist umso schwieriger, als es just dieser eisige Wind war, der viele von ihnen krank gemacht hat. «Die grösste Herausforderung ist, dass die Menschen wieder stabil und belastbar genug werden, um Krisen aushalten und überwinden zu können», erklärt die verantwortliche Abteilungsleiterin Rita Bühlmann. Zentraler Anknüpfungspunkt: Stärkung des Selbstwertgefühls. «Wenn es einmal nicht so läuft wie erwartet, kommt bei vielen die Angst auf zu versagen.»

Dieser Angst versuchen die Verantwortlichen mit Erfolgserlebnissen zu begegnen: Wer einmal ein vereinbartes Ziel erreicht hat, verdaut später Rückschläge eher. In einem sechsmonatigen Arbeitstraining erledigen die Beschäftigten kaufmännische Arbeiten. Frühestens danach werden sie auf den Arbeitsmarkt losgelassen. Bei Bewerbungen, aber auch in der heiklen Anfangsphase im neuen Job unterstützt sie ein Coach.

Eines jedoch können all die Experten trotz langer Erfahrung nicht voraussagen: «Wir wissen nie, ob jemand den Sprung zurück ins Erwerbsleben schafft.»

  • Lesen Sie zum Thema auch das Porträt von Andreas Springer (siehe am Artikelende in der Box «Artikel zum Thema» den Eintrag «Andreas Springer: ‹Ich schäme mich nicht›»)

Die Schweiz: Ein Land der kranken Seelen

Die Zahl der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die wegen einer psychischen Störung ihren Beruf nicht mehr ausüben können, hat sich innert zehn Jahren auf nahezu 100’000 verdoppelt

Psychische Erkrankungen als Grund für eine IV-Rente

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Durchschnittliche Anzahl Erkrankungen pro Jahr (Auswahl)

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Welche psychischen Krankheiten gibt es?

Der Verlauf ist bei den verschiedenen psychischen Krankheiten oft individuell sehr verschieden, was eine Umschreibung erschwert. Nachfolgend vier typische Krankheiten:

  • Angststörung, Phobie und Panikattacken: Betroffene haben häufig unbegründete Ängste. Diese können ganz diffus oder auf bestimmte Situationen oder Objekte gerichtet sein. Betroffenen ist meist bewusst, dass ihre Ängste völlig übertrieben sind. Phobien zeigen sich oft wie bei der sogenannten Agoraphobie im Zusammenhang mit grossen Menschenmengen: Angst vor dem Einkaufen, Autofahren, in Tunneln, im Lift oder in Zügen, überhaupt vor dem Verlassen des Hauses oder des Wohnorts. Menschen mit Angststörungen empfinden häufig nicht die Angst selbst, sondern körperliche Symptome wie etwa Schwindelgefühle, Herzrasen, Zittern, Druck auf der Brust oder auch Magen-Darm-Beschwerden.
  • Schizophrenie: Sie zeichnet sich durch eine tiefgreifende Störung von Denken und Wahrnehmung aus. In akuten Phasen glauben Betroffene oft, dass ihre innersten Gedanken, Gefühle und Handlungen anderen bekannt sind oder dass andere sogar daran teilhaben. Häufig hören sie Stimmen, die
  • Depression: Hauptmerkmal ist der Verlust von Interesse und Freude. Dazu kommen körperliche Symptome wie etwa Schlafstörungen oder Appetitlosigkeit, Konzentrationsstörungen bis hin zu Suizidgedanken.
  • Bipolare Störung: Typisch für diese Störung (früher: manisch-depressive Erkrankung) ist der Wechsel von depressiven und euphorischen Krankheitsphasen. In der meist weniger lang anhaltenden euphorischen Phase ist von der Fröhlichkeit bis zur Gesprächigkeit vieles übersteigert.

Meinungen

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«Wir isolieren uns – und verkümmern»

«Die Menschen sind alle überfordert, denn das Leben ist nicht mehr gemütlich. Die Arbeit ist zu hart geworden: Es zählt nur noch die Leistung. Auch im Privatleben muss alles schnell erledigt, speditiv angepackt und sexy sein. Am Feierabend sind wir so ausgepumpt, dass wir weder Zeit haben noch Lust verspüren, Freunde zu treffen. So isolieren wir uns mehr und mehr und verkümmern schliesslich.»

Barbara Rychen, 40, kaufm. Angestellte, Bottmingen


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«Betroffene fühlen sich ausgestossen»

«Wer hierzulande an einer psychischen Erkrankung leidet, schweigt meist aus falscher Scham – dies aus dem Gefühl heraus, nicht der Norm zu entsprechen, schwach und alleingelassen zu sein. Letztlich fühlen sich die Betroffenen von unserer Gesellschaft nicht akzeptiert. In den USA ist das anders: Die Menschen diskutieren mit Freunden über ihre Probleme. Man sagt, schon jeder Psychiater habe seinen Psychiater.»

Marcel Stuber, 63, Angestellter, Küsnacht


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«Die Leute sind zu weich geworden»

«Wir lassen uns heute zu leicht durch private oder berufliche Probleme aus der Bahn werfen. Da die meisten in Kleinfamilien oder allein leben, fehlt uns das Auffangnetz einer Grossfamilie. Die Menschen sind zu weich geworden. Wir legen unseren Kindern alles in den Schoss. Man kann sie aber nicht 18 Jahre lang verweichlichen und dann glauben, er oder sie stehe plötzlich seinen Mann oder seine Frau.»

Marlene Heer, 50, Angestellte, Bussnang


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«Wir leben nicht, wir werden gelebt»

«Das Tempo der Arbeit macht die Menschen krank. Früher arbeitete man länger, jedoch lagen Pausen drin. So ergaben sich Gespräche und Beziehungen, die so manchen Knoten lösten. Heute ist alles rasend schnell geworden. Wir sollten mit einer Arbeit schon fertig sein, bevor wir damit begonnen haben. Dieses Tempo schwappt auf unser Privatleben über: Wir haben das Gefühl, gelebt zu werden, statt zu leben.»

Ueli Flachsmann, 40, Sozialdiakon, Zürich

Portrait

«Nur noch die Leistung zählt»

«Der Druck in der Arbeitswelt macht vielen Mühe. Ständig wird gespart, Stellen werden gestrichen. Jene, die im Job zurückbleiben, müssen so noch mehr bewältigen. Es zählt nur noch die Leistung. Werte wie Menschlichkeit, Gewissenhaftigkeit oder Hilfsbereitschaft geraten unter die Räder. Weiter kommt, wer genug Egoismus an den Tag legt. Da bleiben Menschen zwangsläufig auf der Strecke.»

Anja Tobler, 35, technische Operationsfachfrau HF, Thal