Sozialhilfe- und Armutsstatistik im Vergleich

Ähnliche Risikogruppen, aber Unterschiede in der zeitlichen Entwicklung

Neuchâtel, 07.04.2009 (BFS) – Die Sozialhilfe- und Armutsstatistik liefern umfassende Informationen über das Ausmass und die Struktur der Haushalte in prekären finanziellen Verhältnissen. Die beiden Statistiken beziehen sich auf ähnliche, aber nicht identische gesellschaftliche Phänomene. Die Risikogruppen gleichen sich, Niveau und Ausmass sind aber verschieden. Im betrachteten Zeitraum (1990-2006) fällt auf, dass die Sozialhilfequote tendenziell zunimmt, während die Armutsquote Schwankungen unterworfen ist. Sowohl die Sozialhilfe- als auch die Armutsquoten hängen direkt vom Verlauf der Arbeitslosigkeit ab und – mit zeitlicher Verzögerung – letztendlich von der wirtschaftlichen Entwicklung. Dies zeigen die Ergebnisse einer vertieften Analyse des Bundesamtes für Statistik BFS mit den Daten der Sozialhilfe- und Armutsstatistik.

Während die Sozialhilfebezügerinnen und -bezüger mehrheitlich dieselben Merkmale aufweisen wie die von Armut betroffenen Personen, zeigen sich Unterschiede im Ausmass und in der zeitlichen Entwicklung der Quoten. Die Sozialhilfestatistik, die die bekämpfte Armut abbildet, ist daher ein guter Indikator für die Armutsproblematik im Allgemeinen. Die beiden Statistiken können als Grundlage für die Festlegung geeigneter Massnahmen zur Armutsbekämpfung dienen.


Zeitliche Entwicklung und Zusammenhänge im wirtschaftlichen Kontext

Wirtschaftliche Entwicklung, Arbeitslosigkeit, Sozialhilfe und Armut stehen in einem komplexen Zusammenspiel. Im Zeitraum von 1990-2006 nahm die Sozialhilfequote beinahe stetig zu, während die Armutsquote fluktuierte. Beide Quoten hängen mit der Arbeitslosenquote zusammen. Diese folgte mit einer rund zweijährigen Verzögerung dem Wirtschaftswachstum. Eine hohe Arbeitslosenquote ging mit einer hohen Zunahme der Sozialhilfequote einher. Eine tiefe Arbeitslosenquote hingegen vermochte jeweils die Zunahme der Sozialhilfequote lediglich zu bremsen. Mit Ausnahme des Jahres 2001 reduzierte sich jedoch bei positiver Arbeitsmarktentwicklung die Sozialhilfequote im betrachteten Zeitraum nie. Andere Faktoren wie beispielsweise vorgelagerte Bedarfsleistungen – insbesondere Arbeitslosenhilfen – und weitere institutionelle Gegebenheiten schwächen höchstwahrscheinlich den Zusammenhang zwischen der Arbeitslosenquote und der Sozialhilfequote dermassen ab, dass nur noch ein Effekt auf die Veränderung der Sozialhilfequote messbar ist.


Haushaltstypen und individuelle Merkmale im Vergleich

Ein Vergleich der Sozialhilfebezüger/innen und der «statistischen» Armutsbevölkerung jeweils zwischen 18 und 59 Jahren zeigt das folgende Bild: Der Hauptteil (48%) der sozialhilfebeziehenden Personen wohnt alleine, während die Mehrheit (54%) der Armutsbevölkerung in Paarhaushalten mit Kindern lebt. 18- bis 29-Jährige sind in der Sozialhilfe stark übervertreten (30%), in der monetären Armut hingegen nicht. Gut 7 von 10 jungen Sozialhilfeempfängern haben weder eine Lehre noch eine höhere Ausbildung abgeschlossen. Nur eine Minderheit (32%) der Sozialhilfeempfänger ist erwerbstätig, während eine Mehrheit (59%) der Armen einen Job hat. Der Anteil der Erwerbslosen ist bei den Sozialhilfeempfängern mehr als dreimal so hoch wie bei der armen Bevölkerung (36% bzw. 12%). Hingegen sind die Nichterwerbspersonen in beiden Gruppen mit knapp einem Drittel (32% bzw. 29%) in etwa gleich stark vertreten, im Vergleich zur Gesamtbevölkerung (11%) jedoch dreimal so häufig. Viele dieser Unterschiede können mit der Armutslücke (Differenz zwischen Haushaltseinkommen und statistischer Armutsgrenze) erklärt werden. Ist die Armutslücke klein und leben mehrere Erwerbstätige im Haushalt, so werden Sozialhilfeleistungen seltener bezogen. Im Übrigen bezieht die grosse Mehrheit der Armutsbevölkerung eine oder mehrere öffentliche Unterstützungsleistungen, die der Sozialhilfe vorgelagert sind (wie zum Beispiel Arbeitslosenhilfe, Alimentenbevorschussung).

Armutsstatistik auf Basis der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (SAKE)

Untersuchungen zur Armut und zur Lage der Working-Poor wurden in den letzten Jahren auf der Grundlage der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (SAKE) durchgeführt. Im Gegensatz zur Sozialhilfestatistik erfolgt die Datenerhebung der SAKE nicht im Rahmen eines administrativen Prozesses. Die SAKE ist eine jährliche Direktbefragung bei Haushalten, die seit 1991 auf Basis einer Stichprobe (2007: knapp 33’000 Haushalte) durchgeführt wird. Die Befragung liefert neben demografischen Merkmalen und Haushaltsangaben Informationen über Erwerbssituation, Aus- und Weiterbildung, unbezahlte Arbeit, Wohnsituation, Haushalts- und Erwerbseinkommen. Die Informationen bilden die Situation der Befragten in der Referenzwoche ab. Anhand der Einkommensangaben sind Analysen zur Einkommensarmut möglich. Der Stichprobenumfang setzt allerdings Grenzen für regionale Analysen.

Ob eine Person zur Armutspopulation gezählt wird, ist abhängig von der Unterschreitung einer vorher statistisch bestimmten und standardisiert angewendeten Armutsgrenze, die in keiner Weise einen Sozialhilfeanspruch begründet. Die hier verwendete Definition der Armut stützt sich auf das in der Sozialhilfepraxis mehrheitlich angewendete Existenzminimum gemäss SKOS-Richtlinien. Das Existenzminimum gliedert sich in drei Teile, welche zusammen die materielle Grundsicherung bestimmen: Es sind dies der Grundbedarf für den Lebensunterhalt, die Wohnkosten und die medizinische Grundversorgung. Darüber hinaus wird ein Betrag von 100 Franken pro Haushaltsmitglied über 15 Jahren hinzugefügt. Damit soll auch gewissen weiteren notwendigen Ausgaben Rechnung getragen werden, wie beispielsweise Krankenkassenfranchise, Selbstbehalt, Haftpflicht- und andere Versicherungen. 2006 betrug die so definierte Armutsgrenze im Durchschnitt 2200 Franken für Alleinstehende, 3250 Franken für eine allein erziehende Frau mit einem Kind und 4650 Franken für ein Ehepaar mit zwei Kindern. Setzt man die Armutsgrenze tiefer an, indem man die zusätzlichen 100 Franken nicht berücksichtigt, erhält man die sogenannte Grenze harter finanzieller Entbehrung. Die beiden Armutsgrenzen definieren auf diese Weise einen Armutsbereich. Für den vorliegenden Vergleich wurde die untere Grenze verwendet (ausgenommen bei der zeitlichen Entwicklung).


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