Monatsarchiv: März 2009

Ritalin boomt: 8x Absatz in einem Jahrzent

Der Absatz von Ritalin-Präparaten hat sich in einem Jahrzehnt verachtfacht. Nun wollen Politiker wissen, warum.

Kinder und Jugendliche mit Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom – oft «Zappelphillippe» genannt – werden mit Ritalin und verwandten Produkten behandelt.

Der Boom der drei Medikamente Ritalin, Concerta und Medikinet ist in der Schweiz ungebrochen. 2008 wurde ein Fünftel mehr Packungen der Mittel verkauft, die gegen das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom (ADHS) bei Kindern und Jugendlichen eingesetzt werden, als ein Jahr zuvor. Damit hat sich der Schweizer Ritalin-Markt innerhalb eines Jahrzehnts verachtfacht.

Die Schweizerische Heilmittelkontrolle Swissmedic geht davon aus, dass der Markt für diese starken Stimulanzien auch in Zukunft ungebrochen wachsen wird. Ihre Wirkung ist mit derjenigen von Amphetaminen zu vergleichen. Unklar bleibt, an wen und in welcher Menge die Medikamente abgegeben werden. Kritiker vermuten, dass Ärzte und Psychologen die Medikamente vermehrt auch Erwachsenen verschreiben. «Dafür haben wir keine Anzeichen», heisst es bei der grössten Schweizer Krankenversicherung, Helsana, die Verschreibungen an Erwachsene im Einzelfall prüfen muss.

Besorgte Politiker gehen deshalb davon aus, dass das Wachstum dieses Marktes in erster Linie auf der lockeren Verschreibungspraxis in der Kinder- und Jugendpsychiatrie beruht. Der Kanton Zürich untersucht gegenwärtig die Verschreibungszahlen an den Volksschulen. Nun gibt es auch auf nationaler Ebene Bestrebungen, detaillierte Daten darüber zu erheben, an wen die meldepflichtigen Medikamente abgegeben werden. «Die Pharmamultis operieren in einem geschützten Markt und verkaufen immer mehr dieser Medikamente. Damit tragen sie erheblich zu den steigenden Gesundheitskosten bei», sagt FDP-Nationalrat Otto Ineichen.

Die Gegner der medikamentösen ADHS-Behandlung misstrauen insbesondere den Kinderärzten. Im Internet publizieren sie deren Verbindungen zu den drei Herstellerfirmen Novartis, Janssen-Cilag und Salmon Pharma. Zahlreiche Ärzte legen ihre Verbindungen zu diesen Firmen freiwillig offen.

Experten schätzen, dass inzwischen in jeder Klasse ein bis zwei Ritalin-Schüler sitzen. Die Statistik untermauert diese Annahme: Ritalin hat in den letzten zehn Jahren einen regelrechten Boom erlebt – in dieser Zeit stieg der Absatz von Medikamenten gegen das Aufmerksamkeits-Syndrom (ADHS) um den Faktor acht, wie die Schweizerische Heilmittelkontrolle Swissmedic kürzlich mitteilte. Swissmedic geht davon aus, dass der Ritalin-Markt auch in Zukunft ungebrochen wachsen wird.

Viele Lehrer und Psychologen fragen sich nun, ob die Zahl von Kindern und Jugendlichen, die an ADHS leiden, im gleichen Mass zugenommen hat. Urs Strasser, Rektor der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik in Zürich, hat eine andere Vermutung: Er glaubt, dass die Hausärzte das Medikament vermehrt abgeben und so zur Steigerung beitragen.

Nebenwirkungen vernachlässigt

«Allgemeinpraktiker geben Ritalin auf Druck der Eltern unter Umständen schneller ab als Kinder- und Jugendpsychiater», sagt Urs Strasser. Das hat jedoch einen entscheidenden Nachteil: Laut Strasser steigt dadurch das Risiko, dass die Hausärzte die «flankierenden Massnahmen» bei der Ritalin-Vergabe nicht «sorgfältig realisieren». Diese seien jedoch unverzichtbar für die Schüler, da Ritalin Nebenwirkungen haben kann – unter anderem Nervosität, Depressionen, Appetit- und Schlafstörungen – und Kinder wie Eltern psychologisch begleitet werden müssten.

Dass viele Kinder mit Verdacht auf ADHS beim Hausarzt landen, hat noch einen anderen Grund: «Ritalin macht nur einen Bruchteil der Kosten einer Psychotherapie aus und ist weniger aufwändig», sagt Strasser. Zudem sei ADHS zur Modediagnose geworden; die «Wunderdroge» Ritalin suggeriere, man könne die Probleme von verhaltensauffälligen Kindern auf einfache Art und Weise lösen. «Andere Behandlungsmöglichkeiten werden dann gerne ausser Acht gelassen, da Ritalin in der Tat oft wirkt und eine Besserung bringt.»

Schüler nehmen länger Ritalin

Einen Teil des Anstiegs erklärt sich Strasser auch mit dem neuesten Wissensstand, wonach Jugendliche in der Pubertät nicht aus ADHS «rauswachsen» würden. «Früher nahmen Schüler von 7 bis 14 Jahren Ritalin, heute wird es bis 21 und älter verschrieben.» Das erklärt die Verachtfachung des Ritalin-Absatzes jedoch bei weitem nicht.

Auch Karl Diethelm, Leiter des Sonderpädagogischen Zentrums für Verhalten und Sprache in solothurnischen Bachtelen, kritisiert die lockere Verschreibungspraxis der Hausärzte. «Das ist sicher eine Erklärung für den steigenden Ritalin-Absatz.» Denn die Kinder- und Jugendpsychiatrie im Kanton Solothurn hätte im Gegensatz dazu nicht mehr Ritalin verschrieben in den letzten Jahren – sondern sei eher zurückhaltender geworden. Das Hauptproblem sieht Diethelm in der unkontrollierten Ritalin-Abgabe durch gewisse Hausärzte: «Es sind mir Fälle bekannt, wo Kinder jahrelang Ritalin auf Verschreibung des Hausarztes schluckten. Sie überprüften nicht, ob dies überhaupt nötig ist.»

Hausärzte sollen Schulbank drücken

Für Diethelm ist klar: Eine Bildungsoffensive bei den Hausärzten könnte die rasante Zunahme von Ritalin-Schülern stoppen. Als härtere Massnahme schlägt er vor, dass Allgemeinpraktiker künftig kein Ritalin mehr verschreiben dürfen. Dies solle Kinder- und Jugendpsychiatern vorbehalten sein.

siehe auch https://radiob.wordpress.com/2007/12/01/psychopharmaka-geschaft-ohne-gewissen/

Kaspar Villiger wird UBS-Verwaltungsratpräsident

Kaspar Villiger wird neuer UBS-Verwaltungsratspräsident
Peter Kurer tritt an Generalversammlung nicht zur Wiederwahl an

Ex-Finanzminister Kaspar Villiger soll die UBS aus der Krise führen. Der 68-jährige frühere FDP-Politiker löst Mitte April Peter Kurer als Präsidenten des Verwaltungsrats der grössten Schweizer Bank ab. Eine Woche nach der Auswechslung des Konzernchefs zieht die UBS damit einen Schlussstrich unter die Ära Ospel.

Peter Kurer wird als Verwaltungsratspräsident der UBS abgelöst, wie die UBS am Mittwoch mitteilte. Kurer trete an der Generalversammlung vom 15. April 2009 nicht zur Wiederwahl an. Die Nachfolge soll Alt Bundesrat Kaspar Villiger antreten, der zugleich zur Wahl in den Verwaltungsrat vorgeschlagen wird.

Wechsel an GV vom 15. April

Der Wechsel soll am kommenden 15. April an der Generalversammlung der UBS vollzogen werden. Kurer erklärte sich laut UBS-Communiqué mit seinem einjährigen Einsatz als UBS-Präsident «zufrieden». Er habe die meisten damit verbundenen Herausforderungen verwirklicht. Für ihn sei es aber nun an der Zeit, die eingeleitete Transformation abzuschliessen und das Amt zur Verfügung zu stellen.

UBS-Vizepräsident und Fiat-Sanierer Sergio Marchionne liess sich mit den Worten zitieren, dass Peter Kurer «viel Anerkennung und Respekt» verdiene. Kurer habe mitgeholfen, die Bank wieder auf Kurs zu bringen. «Mit Bescheidenheit und Mut hat er seine Wahl angenommen, aus Pflichtgefühl und im Dienste der Bank», erklärte Marchionne weiter. Von Marchionne waren im vergangenen Jahr wiederholt unschmeichelhafte Äusserungen über Kurer bekanntgeworden.
Zentrale Werte wieder stärken

Villiger, der von 1989 bis 2003 Mitglied des Bundesrats und zuletzt Schweizer Finanzminister gewesen war, sprach von «aussergewöhnlichen Zeiten» für die UBS und die Schweiz und begründete seine Bereitschaft zur Übernahme des Präsidiums mit Pflichtgefühl gegenüber dem Land und der Bevölkerung: «Wir müssen auf die aktuellen Herausforderungen reagieren, indem wir auf unsere zentralen Werte vertrauen: Integrität, harte Arbeit und Zuverlässigkeit. Ich glaube, dass ich mithelfen kann, diese Werte wieder verstärkt zu betonen».

«Zeichen für Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit»

Der 68-jährige ehemalige FDP-Politiker kündigte gleichzeitig an, alle übrigen Verwaltungsratsmandate abzugeben. Villiger sitzt unter anderem bei Swiss Re, NZZ und Nestlé im Verwaltungsrat. Die Nomination Villigers wurde von UBS-Verwaltungsrätin Gabrielle Kaufmann-Kohler begründet. Sie verwies auf seine Führungserfahrung und seine Kompetenzen und erklärte, der Verwaltungsrat sei überzeugt, dass Villigers Präsenz ein klares Zeichen bezüglich Glaubwürdigkeit, Verlässlichkeit und Nachhaltigkeit sei.
Verteidiger des Bankgeheimnisses

Mit Villiger holt sich die UBS eine international gut vernetzte Figur sowie einen ebenso profunden Kenner wie harten Verteidiger des Bankgeheimnisses an die Spitze. Der Luzerner FDP-Magistrat war es, der bei den Verhandlungen mit der EU über die Zinsbesteuerung die Maxime herausgab: «Das Bankgeheimnis ist nicht verhandelbar.» Dieser Leitsatz ist allerdings seit der Herausgabe von 300 Kundendossiers der UBS an die US-Justiz am vergangenen 18. Februar arg ins Wanken geraten.

Kurer mit der Ära Ospel verbunden

Die Ankündigung der Ablösung Kurers folgt knapp eine Woche auf die Auswechslung von Konzernchef Marcel Rohner durch den früheren Credit-Suisse-CEO Oswald Grübel. Dass sich die UBS auch von Kurer trennt, kommt nicht überraschend. Er war in der Ära Ospel zum Chefjuristen der Bank aufgestiegen und ist auch in der Steueraffäre in den USA stark exponiert.

Villiger war in den vergangenen Tagen als möglicher Kurer-Nachfolger gehandelt worden, ebenso wie Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann. Dieser hatte aber schon mehrmals abgewinkt.

Parteipräsidenten trauen Villiger einiges zu

Die Parteipräsidenten von FDP, CVP und SP erwarten, dass der designierte neue UBS-Präsidenten Kaspar Villiger dazu beitragen kann, das Vertrauen in die Grossbank wieder herzustellen.
Villiger sei sehr verantwortungsbewusst und könne sicher dazu beitragen, in den USA und in der Schweiz die Vertrauenskrise zu überwinden, sagte FDP-Präsident Fulvio Pelli in den Nachrichten von Schweizer Radio DRS.

CVP-Präsident Christophe Darbellay bezeichnete die Wahl von Villiger als eine gute Lösung. Villiger habe die notwendige Erfahrung, sei sehr gut vernetzt in der Wirtschaft und der Finanzwelt und habe auch die notwendige Ruhe, diese sehr wichtige Funktion zu übernehmen.

SP zeigt sich skeptisch

SP-Präsident Christian Levrat begrüsste den bevorstehenden Wechsel im UBS-Präsidium. Der Wechsel an der Spitze der UBS sei notwendig gewesen, um das Vertrauen in die Bank wieder herstellen zu können. Die SP zeigte sich aber auch skeptisch gegenüber der Person Villigers. Dieser habe zwei Gesichter, sagte Levrat auf Anfrage. Villiger sei Teil des alten «FDP-Filzes». Der 68-Jährige sei zudem kein Mann der Erneuerung und habe etwa bei der Rettung der Swissair nicht souverän agiert. Auch sei die Swiss Re während seiner Zeit als Verwaltungsrat eine aggressive Strategie gefahren, die ins Debakel geführt habe.

Andererseits ist Villiger ein Mann mit Verständnis für den Werkplatz Schweiz, wie Levrat sagte. Er müsse die dringend nötige Brücke zwischen Politik sowie Bevölkerung und Wirtschaft bauen. In Sachen Bankgeheimnis erwarte die SP, dass Villiger nicht in seinem alten Denkmuster verharre.