Monatsarchiv: Juli 2008

IT Jobs machen psychisch krank

Achtung Gefahr: Programmieren macht krank!

Leiden Sie unter chronischer Müdigkeit, Nervosität, Schlafstörungen und Magenbeschwerden? Haben Sie Mühe, einfach mal abzuschalten und sich zu erholen? Dann befinden Sie sich in guter Gesellschaft. Noch vor zehn Jahren galten IT-Arbeitsplätze als wenig monoton und psychisch kaum belastend. Das hat sich geändert.

Das Rhein-Ruhr-Institut für Sozialforschung und Politikberatung der Universität Duisburg hat im Rahmen seines Projektes ‚Präventiver Gesundheitsschutz in der IT-Branche‘ ein Arbeitspapier veröffentlicht, in dem anhand von Befunden aus der aktuellen Literatur mögliche Gründe für die Zunahme gesundheitlicher Probleme in der IT-Branche zusammengestellt sind.

So scheint etwa das projektbezogene Arbeiten vieler IT-Leute gesundheitliche Gefahren zu bergen.
An der Schnittstelle zwischen Anbieter und Kunden können verschiedene widersprüchliche Situationen entstehen, welche sich psychisch belastend auf die Mitarbeitenden in der Entwicklung auswirken können. So müssen zum Beispiel im Verlauf eines Projekts häufig zusätzliche Kundenwünsche erfüllt werden, ohne dass Budget und Zeitplan angepasst würden. Oder Entwickler sollen massgeschneiderte Lösungen ins Blaue hinaus abliefern, ohne den Echtbetrieb beim Kunden zu kennen. Das alles mündet schliesslich in erhöhtem Zeitdruck, und nicht selten kollidieren Arbeits- und Lebenswelt. So entsteht Stress und aus anhaltendem Stress wird irgendwann ein ausgewachsenes Burnout.


Überforderung vorprogrammiert

Ein anderes Phänomen ist die „Taylorisierung der IT-Arbeit“, wie der Trend zur „Kleinteiligkeit“ im Bericht genannt wird. Weg vom Prozess, hin zum Modul: IT-Arbeitskräfte werden zur Fliessbandarbeit degradiert und verlieren den Bezug zum „Grossen Ganzen“.

Gleichzeitig haben sich seit den 90er Jahren neue Managementkonzepte durchgesetzt. Mitarbeitende sollen vereinbarte Ziele selbstverantwortlich erreichen. Sie erhalten mehr Selbstbestimmung und Freiheit, tragen allerdings auch mehr Verantwortung. Seit die rosige Blase geplatzt ist und sich die Wirtschaftslage für die „neuen“ Wirtschaftszweige normalisiert hat, hat sich diese Freiheit zur potenziellen Belastung gewandelt. „Die Ziele, die IT-Beschäftigte selbstverantwortlich erreichen sollen, werden immer schwieriger
zu bewältigen“, heisst es in einer der erwähnten Studien.

Veränderte Leistungsbeurteilung trägt das ihre zur Veränderung der Arbeitssituation bei. Leistung wird nicht mehr über Aufwand, sondern über Ergebnisse bewertet. Das führt dazu, dass man sich immer wieder
aufs Neue beweisen muss. Das führt zum permanenten Druck zur Weiterbildung, die oft auch mal in der Freizeit erfolgen soll.


„Klimawandel“ bedroht IT-Dinosaurier

Eine weitere Tendenz macht die Wissenschaft in der Veränderung des Betriebsklimas aus. Das traditionell hohe Arbeitsaufkommen sei früher durch eine „spezifische betriebliche Sozialordnung“ erträglich gewesen.
Diese gehe verloren. Sprich: die Vertrauenskultur, die flachen Hierarchien und die Identifikation der Mitarbeitenden mit Inhalten und Produkten ihrer Arbeit weicht dem Primat der Effizienz und der Kostenoptimierung.

Auch der gesellschaftliche Wandel nagt am Wohlbefinden in den Entwicklerbüros. Die früher als sicher geltenden IT-Jobs sind heute Personalabbauphasen und Auslagerungen ausgesetzt. Die Angst vor Arbeitslosigkeit belastet und setzt Beschäftigte unter Druck. Und: auch IT-Angestellte werden älter. Der demografische Wandel macht vor der Branche nicht halt. Eine der Studien kommt zum Schluss, mit 40 sei man als IT-Mensch schon „ein halber Methusalem“. Als solcher befindet man sich in einer Unternehmenskultur, die sich an Jugendlichkeit orientiert. Oft gelte man als leistungsschwacher Dinosaurier.

Programmierer nehmen häufiger Psychopharmaka
In der Folge haben die Forscher Bemerkenswertes herausgefunden. Eine der Studien weist für IT-Beschäftigte in den untersuchten Projekten viermal häufigeres Auftreten psychosomatischer
Beschwerden aus als in anderen Berufsgruppen. Eine andere Untersuchung zeigt, dass psychische Krankheiten in der Branche weit verbreitet sind. Der Gebrauch von Antidepressiva ist um 60 Prozent höher. Allgemein nehmen IT-Angestellte in Deutschland fast doppelt so häufig (um 91 Prozent höherer Gebrauch)
Psychopharmaka wie der Durchschnitt der Beschäftigten.

Als reichten all die Faktoren psychischer Belastung noch nicht: die verschärften Arbeitsbedingungen schädigen auch die menschliche Hardware! Dass Dauerstress, Überarbeitung und Frustration über nicht erreichbare Ziele dem Körper nicht gut tun, liegt auf der Hand. Hinzu kommen mangelnde
Bewegung (die sich meist auf den Gang in die Kantine beschränkt), verkrüppelte Haltungen vor dem Bildschirm und natürlich: unausgewogene Ernährung. Der Mythos vom Nächte durcharbeitenden Computerfreak, der sich von Limos und Junk-Food ernährt, entspricht wohl auch ein Stück weit der Realität.


Geben und nehmen

Soweit die Forschungsergebnisse aus Deutschland. Das düstere Bild, das sie von den Arbeitsbedingungen in den IT-Abteilungen und Entwicklungsfirmen zeichnen, lässt sich wohl auch auf die Schweiz übertragen.
„Unsere Branche ist sehr arbeitsintensiv“, bestätigt Gabriela Keller, die beim Schweizer Software-Hersteller Ergon für das Personal verantwortlich ist. Das Unternehmen hat verschiedene Massnahmen getroffen, um seine Mitarbeiter nicht zu „verheizen“. „Nur wer sich gut fühlt, schreibt auch gute Software“, sagt Keller. So werden beispielsweise Überstunden bei Ergon nicht ausbezahlt. Wer phasenweise
mehr arbeitet, muss dies mit mehr Freizeit kompensieren. Und die Gestaltung der Wochenarbeitszeit ist flexibel. Ob während fünf Tagen acht Stunden oder an vier Tagen zehn Stunden gearbeitet wird, bestimmt man selbst. Viele Mitarbeitende sind ohnehin zu 80 Prozent angestellt. Um sich weiterzubilden, hat jeder ein Budget und ein Zeitfenster innerhalb der Arbeitszeit, über das frei verfügt werden kann.

Keller schätzt auch die körperliche Fitness in ihrem Betrieb als gut ein. „Unsere Mitarbeiter sind im Schnitt sehr sportlich.“ Viele würden sich über Mittag zu Gruppen zusammenschliessen und joggen oder Fussball
spielen gehen- in der eigens angemieteten Halle, bezahlt vom Arbeitgeber. Wer auf inneres Gleichgewicht setzt, kann die Yogastunde im Dachgeschoss besuchen. Ergon, das IT-Arbeits-Paradies auf Erden? „Nein, ich glaube, dass viele Firmen in der Schweiz ähnlich funktionieren“, relativiert die Personalchefin.

Das hingegen bezweifelt Marc Werlen, der als Marketingleiter bei Netcetera zwar nicht selbst entwickelt, die Branche aber dennoch kennt. „Längst nicht alle Managements haben eingesehen, wie wichtig das
Wohlbefinden der Mitarbeitenden ist“, kritisiert er. Mit Features wie einem ausgeklügelten Beleuchtungssystem, ergonomischen Arbeitsplätzen und der Möglichkeit zum Hallensport über Mittag positioniert sich auch sein Unternehmen unter den fortschrittlichen Musterknaben. „Die Komplexität der Lösungen nimmt zu, Druck und Eigenverantwortung sind hoch“, bestätigt Werlen die
Studienresultate.

Doch das müsse nicht unbedingt negativ sein. Mehr Verantwortungsbewusstsein und mehr Effizienz seien Anzeichen eines stetig wachsenden Professionalisierungsgrades. Und schliesslich habe die IT-Branche
auch einzigartige Möglichkeiten eingeführt, wie das Arbeiten von zu Hause. Von einem allgemeinen Trend zur Optimierung der Arbeitsbedingungen und attraktiven Zusatzleistungen könne zwar noch nicht gesprochen werden. Wie die Ergon-Personalchefin ist auch der Marketingchef aber überzeugt: „Zufriedene
Mitarbeiter erbringen gute Leistungen. Und wo immer mehr geleistet werden muss, braucht es Gegenleistungen. (Amir Ali)

(Interessenbindung:
Ergon und Netcetera bauen und betreiben die Betriebsplattform von inside-it.ch
und sind wichtige Kunden des Verlags.)