Monatsarchiv: März 2008

Psychisch krank

Beobachter 05/08

Psychisch krank

Das verkannte Leiden

Text: Matieu Klee
Bild: Sanna Lindberg, Daniel Ammann, Markus Forte, Roland Schmid

Der steigende Druck in der Arbeitswelt zwingt mehr und mehr Leute in die Knie. Rund ein Viertel der Bevölkerung leidet bereits an einer psychischen Erkrankung. Die 5. IV-Revision hat die Luft für sie noch dünner gemacht.

Am Anfang drehte sich die Abwärtsspirale bei Andreas Springer noch ganz langsam, kaum wahrnehmbar. Er ist jung, steckt voller Pläne und ist zufrieden mit seinem Job. Doch mit seinem beruflichen Aufstieg wachsen auch Verantwortung und Belastung. Eine psychische Krankheit schleicht sich in sein Leben: eine Angsterkrankung, Fachbegriff: Agoraphobie. Er hält sich mit Beruhigungsmitteln über Wasser, nach einiger Zeit funktioniert er nur noch mit Tabletten. Schliesslich kommt es zum Eklat: Die Krankheit obsiegt. Er wird arbeitsunfähig (siehe am Artikelende in der Box «Artikel zum Thema» den Eintrag «Andreas Springer: ‹Ich schäme mich nicht›»).

Andreas Springer ist einer von 710’000 Menschen in der Schweiz, die an einer Angsterkrankung leiden. Diese Zahl geht aus einer neuen Studie der Universität Zürich hervor. Alle psychischen Krankheiten wie Depressionen oder Schizophrenie eingerechnet, leidet rund ein Viertel der Schweizer Bevölkerung – oder zwei Millionen Menschen – an einer psychischen Störung. Damit ist diese Krankheitsgruppe mit Abstand Volkskrankheit Nummer eins – und wird dennoch weiterhin verkannt. Die Betroffenen kämpfen gegen Stigmatisierung und gegen das hartnäckige Vorurteil, ein starker Wille würde genügen, um die Störung zu überwinden.

«Wir haben all diejenigen gezählt, die wegen ihres psychischen Leidens behandlungsbedürftig sind», erklärt Studienautor Wulf Rössler von der Psychiatrischen Uniklinik Zürich. «Behandlungsbedürftig» heisst konkret, dass die Betroffenen nur noch eingeschränkt funktionieren. Rasant zugenommen hat vor allem die Zahl der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die wegen einer psychischen Krankheit ihrem Beruf nicht mehr nachgehen können: Innerhalb von zehn Jahren hat sich ihre Zahl auf nahezu 100’000 verdoppelt. Insgesamt beziehen in der Schweiz rund 250’000 Personen eine IV-Rente.

Das Stigma «Scheininvalide»

Bei einer psychischen Krankheit beweist kein Röntgenbild objektiv und unbestreitbar den Defekt. Die Betroffenen stehen denn auch in der politischen Debatte rasch unter dem Generalverdacht, einfach arbeitsscheu zu sein. Mit der 5. IV-Revision wurden psychisch bedingte IV-Fälle speziell ins Visier genommen, mit dem Ziel, die defizitäre Invalidenversicherung zu sanieren. Alles Scheininvaliden? Fachleute sind sich einig: Der Anteil jener, die nicht arbeiten wollen, ist verschwindend klein. «Natürlich gibt es Drückeberger, aber das sind maximal vier Prozent. Die anderen 96 Prozent würden sich eine Hand abhacken lassen, nur um wieder in ihren Beruf zurückkehren zu können», ist der renommierte Sozialpsychiater Rössler überzeugt.

Wie aber lässt sich der sprunghafte Anstieg von psychisch bedingten IV-Fällen dann erklären? Hans Kurt, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, der in seiner Praxis in Solothurn täglich selbst psychisch kranke Menschen behandelt, glaubt, dass gesellschaftliche Veränderungen dafür verantwortlich sind: «Die Welt wird immer komplizierter, die Belastungen nehmen zu, und das führt bei vielen Menschen zu diffusen Ängsten», sagt er. Ähnliche Beobachtungen macht auch Holger Hoffmann, der bei den Psychiatrischen Diensten Bern ein Projekt zur Wiedereingliederung psychisch Kranker ins Berufsleben leitet: «In der heutigen Gesellschaft kann sich jeder selbst verwirklichen. Der Preis dieser Individualisierung ist, dass die Gesellschaft immer weniger integrierend wirkt: Angeschlagene finden kaum noch Nischen.»

Das gilt vor allem für die Arbeitswelt. Tausende von Stellen mit einfacheren Tätigkeiten für Arbeitskräfte ohne akademischen Titel sind in den letzten Jahren verschwunden oder ins Ausland verlagert worden. Die Arbeitswelt hat sich mit Computern und Internet komplett verändert. «Auf diese Umstellung waren viele nicht vorbereitet. Sie fühlen sich überfordert, ihr Stress hat zugenommen. Heute muss alles rentieren, koste es, was es wolle. Wer bis anhin knapp mithalten konnte, fällt nun raus», sagt Hoffmann.

Der berühmte Tropfen zu viel

Eine Einschätzung, die Bettina Bärtsch teilt. Sie arbeitet an der Psychiatrischen Uniklinik Zürich, ist dort verantwortlich für die berufliche Wiedereingliederung von Betroffenen. «Viele sind bereits stark vorbelastet durch ihre familiäre Situation oder ihre Persönlichkeitsstruktur. Sie können lange am Arbeitsplatz funktionieren, bis irgendein Tropfen das Fass zum Überlaufen bringt», so ihre Erfahrung. Das kann eine Trennung, ein Todesfall oder aber auch ein Chef sein, der mehr Druck aufsetzt. Am meisten gefährdet seien Menschen, die ihre eigenen Bedürfnisse nicht wahrnehmen oder unterdrücken, sagt Bärtsch. Wer Konflikte vermeide, statt sie auszutragen, wer Ärger runterschlucke, statt sich zu wehren, der könne irgendwann nicht mehr.

Trotz rund zwei Millionen Betroffenen in der Schweiz sind die meisten dieser psychischen Störungen nach wie vor tabu. «Eine psychische Krankheit ist weitgehend unsichtbar und für Angehörige, aber auch für die Betroffenen selbst schwer fassbar», schreibt etwa der Vater einer psychisch Erkrankten in der Online-Umfrage, die der Beobachter lanciert hat (Stimmen zum Thema: siehe am Ende des Artikels). Nur langsam wird dieses Tabu aufgebrochen – meist dann, wenn für eine Krankheit ein neuer Begriff auftaucht wie beim Burn-out. «Die Gesellschaft akzeptiert ein Burn-out viel eher als eine Depression. Beim Burn-out ist der Arbeitsplatz schuld, bei der Depression der Betroffene selbst – so die vorherrschende Meinung», erklärt Psychiater Rössler. Der Fachmann rät denn auch jedem Klinikpatienten, nicht leichtfertig von seiner Krankheit zu erzählen. Denn wer in der Gesellschaft noch als Sonderling durchgegangen sei, der werde, nachdem er sich geoutet habe, oft stigmatisiert und ausgegrenzt. Das hat der Wissenschaftler in einer Studie nachgewiesen: So würde jemand, der an Schizophrenie litt, aber schon seit Jahren geheilt ist, nur gerade von vier Prozent der Bevölkerung als Babysitter akzeptiert.

Menschen auf dem Abstellgleis

Die 5. IV-Revision, die seit Anfang Jahr in Kraft ist, hat vor allem das Ziel, Kosten einzusparen. Bereits sind die Hürden für eine IV-Rente höher geworden. «Der Zugang zu einer IV-Rente für Menschen mit psychischen Leiden ist schwieriger geworden. Heute müssen viele Rentengesuche abgelehnt werden, bei denen man davon ausgehen muss, dass die Betroffenen den Einstieg ins Berufsleben nie wieder schaffen werden», so der nebenamtliche Bundesrichter Andreas Brunner. Besonders hart ist das, weil bei einem ablehnenden Entscheid auch Ergänzungsleistungen und die zweite Säule wegfallen. Betroffenen bleibt meist nur noch der Gang zur Sozialhilfe.

Mit dem Schlagwort «Eingliederung vor Rente» sollen möglichst viele von der IV ferngehalten werden. «Dahinter steckt die Erkenntnis, dass man psychisch Angeschlagene bisher zu rasch krankgeschrieben und sich zu wenig um ihre Rückkehr ins Erwerbsleben gekümmert hat», sagt der Freiburger Rechtsprofessor und Sozialversicherungsexperte Erwin Murer. Doch sind Firmen überhaupt interessiert daran, angeschlagene Leute zu beschäftigen? «Die Bereitschaft, diese Menschen einzustellen, ist massiv gesunken, denn sie sind bei Arbeitgebern mit Stereotypen wie Unberechenbarkeit, Unheilbarkeit und Gefährlichkeit behaftet», schreibt der Psychiater Hans-Christian Kuhl in einer Studie über die Chancen von psychisch Kranken auf dem Arbeitsmarkt.

Es gibt allerdings auch Arbeitgeber, die sich der Herausforderung stellen. Je geringer das wirtschaftliche Risiko, desto eher seien Firmen bereit, psychisch Kranke zu beschäftigen, lautet die Erfahrung von Holger Hoffmann, der in Bern ein Projekt leitet, das sich dem neuen Zauberwort «supported employment» verschrieben hat, übersetzt: «unterstützte Beschäftigung». Dabei werden die Betroffenen statt in einer geschützten Werkstatt, die vom normalen Arbeitsprozess abgekoppelt ist, wieder möglichst nah an den ordentlichen Arbeitsmarkt herangeführt. Wenn sowohl der Lohn der eingeschränkten Leistung angepasst werden könne als auch ein Jobcoach den Betroffenen betreue, dann seien Unternehmen durchaus bereit, Arbeitsplätze zur Verfügung zu stellen, hat Hoffmann festgestellt.

Eine Firma, die schon vor 25 Jahren begann, solche Arbeitsplätze einzurichten, ist der Möbelhändler Pfister aus Suhr. Die Firma bietet rund ein Dutzend Stellen für Psychiatriepatienten im normalen Arbeitsprozess an: im Lager, in der Administration, im Personalrestaurant oder bei der Reinigungsequipe. Dort sollen die Betroffenen ganz normal arbeiten können, müssen jedoch nicht die gleiche Leistung erbringen wie die gesunden Mitarbeiter. «Ein chronisch psychisch Kranker kann und muss keinen gesunden Mitarbeiter ersetzen», sagt Mediensprecher Luca Aloisi.

Den Beschäftigten soll in erster Linie überhaupt der Wiedereinstieg in ein geregeltes Erwerbsleben gelingen. Grundvoraussetzung für den Erfolg seien motivierte Teilnehmer und ein ebenso motiviertes, geduldiges und tolerantes Team, so die Bilanz nach 25 Jahren Erfahrung. «Ob es tatsächlich gelingt, hängt immer von der Persönlichkeit, der Krankheit und deren Schweregrad ab», sagt Aloisi. Einige seien nach kurzer Zeit so weit integriert, dass sie kaum noch spezielle Aufmerksamkeit benötigten, andere bräuchten länger oder erreichten nie die erhoffte Stabilität. Trotzdem wachsen auch bei Pfister die Bäume nicht in den Himmel. «Den Schritt in den normalen Arbeitsmarkt schaffen nur ganz wenige», sagt der Mediensprecher.

Der harte Weg zurück in den Alltag

Auch die Zürcher Stiftung Espas hat sich zum Ziel gesetzt, angeschlagene Menschen wieder so fit zu machen, dass sie dem rauen Wind auf dem Arbeitsmarkt trotzen können. Dieses Ziel zu erreichen ist umso schwieriger, als es just dieser eisige Wind war, der viele von ihnen krank gemacht hat. «Die grösste Herausforderung ist, dass die Menschen wieder stabil und belastbar genug werden, um Krisen aushalten und überwinden zu können», erklärt die verantwortliche Abteilungsleiterin Rita Bühlmann. Zentraler Anknüpfungspunkt: Stärkung des Selbstwertgefühls. «Wenn es einmal nicht so läuft wie erwartet, kommt bei vielen die Angst auf zu versagen.»

Dieser Angst versuchen die Verantwortlichen mit Erfolgserlebnissen zu begegnen: Wer einmal ein vereinbartes Ziel erreicht hat, verdaut später Rückschläge eher. In einem sechsmonatigen Arbeitstraining erledigen die Beschäftigten kaufmännische Arbeiten. Frühestens danach werden sie auf den Arbeitsmarkt losgelassen. Bei Bewerbungen, aber auch in der heiklen Anfangsphase im neuen Job unterstützt sie ein Coach.

Eines jedoch können all die Experten trotz langer Erfahrung nicht voraussagen: «Wir wissen nie, ob jemand den Sprung zurück ins Erwerbsleben schafft.»

  • Lesen Sie zum Thema auch das Porträt von Andreas Springer (siehe am Artikelende in der Box «Artikel zum Thema» den Eintrag «Andreas Springer: ‹Ich schäme mich nicht›»)

Die Schweiz: Ein Land der kranken Seelen

Die Zahl der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die wegen einer psychischen Störung ihren Beruf nicht mehr ausüben können, hat sich innert zehn Jahren auf nahezu 100’000 verdoppelt

Psychische Erkrankungen als Grund für eine IV-Rente

Info-Grafik

Durchschnittliche Anzahl Erkrankungen pro Jahr (Auswahl)

Info-Grafik

Welche psychischen Krankheiten gibt es?

Der Verlauf ist bei den verschiedenen psychischen Krankheiten oft individuell sehr verschieden, was eine Umschreibung erschwert. Nachfolgend vier typische Krankheiten:

  • Angststörung, Phobie und Panikattacken: Betroffene haben häufig unbegründete Ängste. Diese können ganz diffus oder auf bestimmte Situationen oder Objekte gerichtet sein. Betroffenen ist meist bewusst, dass ihre Ängste völlig übertrieben sind. Phobien zeigen sich oft wie bei der sogenannten Agoraphobie im Zusammenhang mit grossen Menschenmengen: Angst vor dem Einkaufen, Autofahren, in Tunneln, im Lift oder in Zügen, überhaupt vor dem Verlassen des Hauses oder des Wohnorts. Menschen mit Angststörungen empfinden häufig nicht die Angst selbst, sondern körperliche Symptome wie etwa Schwindelgefühle, Herzrasen, Zittern, Druck auf der Brust oder auch Magen-Darm-Beschwerden.
  • Schizophrenie: Sie zeichnet sich durch eine tiefgreifende Störung von Denken und Wahrnehmung aus. In akuten Phasen glauben Betroffene oft, dass ihre innersten Gedanken, Gefühle und Handlungen anderen bekannt sind oder dass andere sogar daran teilhaben. Häufig hören sie Stimmen, die
  • Depression: Hauptmerkmal ist der Verlust von Interesse und Freude. Dazu kommen körperliche Symptome wie etwa Schlafstörungen oder Appetitlosigkeit, Konzentrationsstörungen bis hin zu Suizidgedanken.
  • Bipolare Störung: Typisch für diese Störung (früher: manisch-depressive Erkrankung) ist der Wechsel von depressiven und euphorischen Krankheitsphasen. In der meist weniger lang anhaltenden euphorischen Phase ist von der Fröhlichkeit bis zur Gesprächigkeit vieles übersteigert.

Meinungen

Portrait

«Wir isolieren uns – und verkümmern»

«Die Menschen sind alle überfordert, denn das Leben ist nicht mehr gemütlich. Die Arbeit ist zu hart geworden: Es zählt nur noch die Leistung. Auch im Privatleben muss alles schnell erledigt, speditiv angepackt und sexy sein. Am Feierabend sind wir so ausgepumpt, dass wir weder Zeit haben noch Lust verspüren, Freunde zu treffen. So isolieren wir uns mehr und mehr und verkümmern schliesslich.»

Barbara Rychen, 40, kaufm. Angestellte, Bottmingen


Portrait

«Betroffene fühlen sich ausgestossen»

«Wer hierzulande an einer psychischen Erkrankung leidet, schweigt meist aus falscher Scham – dies aus dem Gefühl heraus, nicht der Norm zu entsprechen, schwach und alleingelassen zu sein. Letztlich fühlen sich die Betroffenen von unserer Gesellschaft nicht akzeptiert. In den USA ist das anders: Die Menschen diskutieren mit Freunden über ihre Probleme. Man sagt, schon jeder Psychiater habe seinen Psychiater.»

Marcel Stuber, 63, Angestellter, Küsnacht


Portrait

«Die Leute sind zu weich geworden»

«Wir lassen uns heute zu leicht durch private oder berufliche Probleme aus der Bahn werfen. Da die meisten in Kleinfamilien oder allein leben, fehlt uns das Auffangnetz einer Grossfamilie. Die Menschen sind zu weich geworden. Wir legen unseren Kindern alles in den Schoss. Man kann sie aber nicht 18 Jahre lang verweichlichen und dann glauben, er oder sie stehe plötzlich seinen Mann oder seine Frau.»

Marlene Heer, 50, Angestellte, Bussnang


Portrait

«Wir leben nicht, wir werden gelebt»

«Das Tempo der Arbeit macht die Menschen krank. Früher arbeitete man länger, jedoch lagen Pausen drin. So ergaben sich Gespräche und Beziehungen, die so manchen Knoten lösten. Heute ist alles rasend schnell geworden. Wir sollten mit einer Arbeit schon fertig sein, bevor wir damit begonnen haben. Dieses Tempo schwappt auf unser Privatleben über: Wir haben das Gefühl, gelebt zu werden, statt zu leben.»

Ueli Flachsmann, 40, Sozialdiakon, Zürich

Portrait

«Nur noch die Leistung zählt»

«Der Druck in der Arbeitswelt macht vielen Mühe. Ständig wird gespart, Stellen werden gestrichen. Jene, die im Job zurückbleiben, müssen so noch mehr bewältigen. Es zählt nur noch die Leistung. Werte wie Menschlichkeit, Gewissenhaftigkeit oder Hilfsbereitschaft geraten unter die Räder. Weiter kommt, wer genug Egoismus an den Tag legt. Da bleiben Menschen zwangsläufig auf der Strecke.»

Anja Tobler, 35, technische Operationsfachfrau HF, Thal

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