Börsenstrategie von CS und UBS: Interessenkonflikt

Interessenkonflikt bei der Börsenstrategie von CS und UBS

Grossbanken nähern sich Wegscheide zwischen Unterstützung von SWX Group und Projekt «Turquoise»

Die Credit Suisse und die UBS verfolgen bei der Unterstützung von Börsenbetreibern keine schlüssige Strategie. Sie sind Miteigentümer der SWX, treiben aber auch eine Konkurrenz-Plattform voran.

Die beiden Grossbanken Credit Suisse (CS) und UBS steuern mit ihrer «Strategie» in Bezug auf die Unterstützung von Aktienhandels-Plattformen auf eine Weggabelung zu. In der Schweiz spielen beide Institute bei der SWX Group sowie bei den zwei anderen Infrastruktur-Dienstleistern SIS Group (Handelsabwicklung) und Telekurs Group (Zahlungsverkehr) eine führende Rolle. An der geplanten «Finanzplatz-Holding AG», die sich aus SWX, SIS und Telekurs zusammensetzen soll und die noch keinen Namen hat, werden die beiden Grossbanken zusammen voraussichtlich einen Drittel besitzen. Vertreter von CS und UBS werden hierzulande nicht müde, die Bedeutung der SWX für den Finanzplatz zu unterstreichen und auch ihre künftige Unterstützung zu signalisieren.

Frontalangriff auf die Börsenbetreiber

Zugleich treiben die beiden Institute auf europäischer Ebene zusammen mit Citigroup, Deutsche Bank, Goldman Sachs, Merrill Lynch und Morgan Stanley das Projekt «Turquoise» (zu Deutsch: Türkis) voran. Unter diesem Namen will der Klub dieser sieben Investmentbanken eine europäische Blue-Chip-Börse schaffen. Die Investmentbanken sind nämlich mit den Preisen der tendenziell regional orientierten europäischen Börsen sowie dem meist unzureichenden oder gar fehlenden Wettbewerb bei der nachgelagerten Handelsabwicklung unzufrieden. Für die herkömmlichen Börsen stellt das Projekt «Turquoise» ein rotes Tuch dar. Zwar wird aus Börsenkreisen stets kolportiert, die Initiative richte sich primär gegen die London Stock Exchange (LSE). Doch sollte «Turquoise» Erfolg haben, wäre dies ein Frontalangriff auf alle Börsen in Europa.

In den offensichtlichen Interessenkonflikt zwischen Unterstützung der SWX und Lancierung von «Turquoise» haben sich Credit Suisse und UBS selbst manövriert, denn sie hätten bei der Multilateral Trading Facility durchaus erst abseitsstehen und abwarten können. Diese Taktik verfolgen BNP Paribas, HSBC, Lehman Brothers und JP Morgan, vier andere Big Player unter den Investmentbanken. Einige von ihnen sind dem Vernehmen nach als Berater für die Londoner Börse tätig und üben u. a. deshalb Zurückhaltung. Auch CS und UBS haben bei einigen europäischen Börsen verschiedenste Hüte auf, was ihr Agieren kompliziert: Die Banken zählen zu den Grosskunden der Börsen, sind teilweise als deren Berater tätig, sitzen in wichtigen Gremien oder gehören sogar zu den Eignern der Börsen.

Der Erfolg der Aktienhandels-Plattform «Turquoise» wird von ihrer Liquidität abhängen, denn nur eine hohe Liquidität führt zu einer geringen Spanne zwischen An- und Verkaufspreisen. Dies ist für die Banken wichtig, weil sie ihren Kunden versprechen, für deren Aufträge den besten Preis für das jeweilige Wertpapier auszuwählen, was im Fachjargon als «best execution» bezeichnet wird. Dass die sieben Investmentbanken genügend Liquidität generieren können, ist realistisch. Experten schätzen, dass der Klub der betreffenden Investmentbanken für rund die Hälfte des europäischen Ordervolumens in Blue Chips verantwortlich ist. An der zur SWX gehörenden Virt-x, einer in London domizilierten Handelsplattform für Aktien des Swiss-Market-Indexes (SMI), generierten die sieben Banken in einem jüngst zufällig ausgewählten Monat knapp die Hälfte des gesamten Transaktionsvolumens in SMI-Titeln. Dies belegt die Marktmacht der Banken und das Bedrohungspotenzial für die Börsen.

Konkrete Aussagen zu ihrem künftigen Verhalten sind aus den Reihen von CS und UBS derzeit nicht zu erhalten. Wenn sich Vertreter der Banken überhaupt äussern, verstecken sie sich hinter Floskeln: Man begrüsse den Wettbewerb unter den Börsen, oder man sei selbstverständlich zur «best execution» der Aufträge verpflichtet. «Best execution» ist aber – wie beschrieben – nur bei höchster Liquidität möglich. Daher lautet die Gretchenfrage: Was machen die sieben Banken beim Start von «Turquoise»? Um die höchstmögliche Liquidität zu erreichen, müssten die Investmentbanken quasi einen «D-Day der Börseninvasion» abmachen, an dem sie losschlagen und in einer koordinierten Aktion abrupt den gesamten Orderfluss in Blue Chips auf die neue Plattform lenken. Dies wäre für die herkömmlichen Börsenbetreiber im Allgemeinen sowie für die SWX wegen ihrer Abhängigkeit von wenigen sehr umsatzstarken Titeln (CS, Nestlé, Novartis, Roche, UBS) im Besonderen ein Tiefschlag.

Kommt der «Big Bang»?

Ob es tatsächlich zu einem solchen «Big Bang» kommt, ist aber fraglich. Schon früher scheiterten Versuche, eine europäische Blue-Chip-Plattform einzuführen, wie unter anderen «Tradepoint», «Jiway» und «Virt-x» gezeigt haben. Durch den inzwischen herrschenden Druck der EU (Finanzmarktrichtlinie Mifid) und neu entwickelte Technologien (Smart Order Routing) räumen Experten dem jüngsten Projekt aber grössere Chancen ein. Jedoch gibt es sicher auch innerhalb der Banken verschiedene Auffassungen zum Vorgehen: Soll der komplette «Order-flow» umgeleitet werden, ein grosser Teil oder nur ein kleiner Teil? Die Aufteilung der Aufträge auf verschiedene Plattformen wäre aber kontraproduktiv, da nur höchste Liquidität zu besten Preisen führt.

Letztlich dürften den Londoner Händlern von CS und UBS die Interessen der SWX und des Finanzplatzes Schweiz vergleichsweise weniger am Herzen liegen, so dass sie wohl schneller bereit sind, das Volumen umzulenken. Dagegen muss das Top-Management der Banken, die beide in der Schweiz ihre Heimatbasis haben und deren Angestellte zum Grossteil hier arbeiten, die Breitenwirkung einkalkulieren. Trotz möglicherweise überzeugender ökonomischer Logik und den aus Aktionärsinteressen resultierenden Zwängen zu effizientesten Prozessen stehen die Institute in der Öffentlichkeit vielleicht als Vaterlandsverräter da und müssen einen Imageschaden befürchten, wenn sie die Interessen der SWX und des Finanzplatzes nicht berücksichtigen.

Wie auch immer, lange können CS und UBS die duale Strategie nicht mehr friktionslos fortführen. Die Handelsplattform «Turquoise» soll im November ihre Arbeit aufnehmen. Wenn nicht gerade nur mit einem Testversuch – beispielsweise alleiniger Handel von Blue Chips aus Grossbritannien oder dem Euro-Raum – gestartet wird, wird spätestens dann der Tag kommen, an dem die Grossbanken die Weggabelung erreichen und sich für einen Pfad entscheiden müssen.

Artikel aus der NZZ.

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