Erschütterter Glaube an Geothermie

Erschütterter Glaube an Alternativenergie

Basler «Deep Heat Mining»-Projekt bis auf weiteres auf Eis gelegt

Das von den Betreibern eines Geothermie-Projekts ausgelöste Erdbeben in Basel hat nur wenige materielle Schäden zur Folge gehabt. Nachhaltig erschüttert worden sein dürfte dagegen der Glaube an eine Alternativenergie, die keine Risiken birgt.

Der starke Erdstoss, der am Freitagabend in Basel und Umgebung zu spüren war, hat die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzt. Viele rannten ins Freie oder suchten, wie es einem immer wieder eingebleut wird, Zuflucht unter Türrahmen. Die in der Folge verbreitete Meldung, das Beben sei auf die Arbeiten am Geothermie-Projekt «Deep Heat Mining» zurückzuführen, löste bei vielen ungläubiges Staunen aus. Die Öffentlichkeit hatte vom Projekt und seinen möglichen energiepolitischen Segnungen gehört, nicht aber von den damit verbundenen Risiken. Nun besteht die Gefahr, dass die Stimmung kehrt; das Ereignis könnte den Glauben an die mühelose Nutzbarmachung von Erdwärme  erschüttert haben. Die vom Erdstoss verursachten materiellen Schäden sind dagegen gering und beschränken sich auf heruntergestürzte Gegenstände und lädierte Fassaden.

«Schreckung der Bevölkerung»

Zunächst dürfte das Beben allerdings ein juristisches Nachspiel haben. Die Staatsanwaltschaft hat ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, das klären soll, ob eine Straftat vorliegt und wer allenfalls zur Rechenschaft gezogen werden kann.  Die an einer Pressekonferenz der Projekt-Betreiberin, der Geopower Basel AG, zu erfahren war, haben die Behörden bei der Firma relevante Daten sichergestellt. Fehlbare werden möglicherweise wegen Sachbeschädigung und «Schreckung der Bevölkerung» belangt werden.

Nach dem Zwischenfall sind die Untergrundarbeiten sofort gestoppt worden, und es ist noch offen, unter welchen Auflagen – wenn überhaupt – das Projekt, in das bis jetzt 56 Millionen Franken geflossen sind, eine Fortsetzung finden wird. Vorgesehen ist, dass zunächst eine Gruppe von unabhängigen Experten einen Bericht zum Beben verfassen wird; dieser soll Aufschluss geben, unter welchen zusätzlichen Auflagen die Arbeiten wiederaufgenommen werden können. Die Behörden und die Regierung werden dann über das Vorgehen entscheiden. Das Ausmass der Verzögerungen ist unklar. Fest steht, dass der Plan, noch vor Ende Jahr mit einer zweiten Tiefenbohrung zu beginnen, nicht mehr realistisch ist.

Offenere Kommunikationspolitik

Ein Teil der Abklärungen wird darin bestehen müssen, die mit dem Geothermie-Vorhaben verbundenen Risiken neu zu evaluieren und Gefahren-Szenarien neu zu definieren. Wie die Projektleiter an der Pressekonferenz eingestanden, sind sie von der Stärke des Bebens, das einen Wert von 3,4 auf der Richter-Skala erreichte, überrascht worden. Der Verwaltungsratspräsident der Geopower, Heinrich Schwendener, erklärte, man habe «keinen Grund zur Annahme» gehabt, dass ein Stoss dieser Grössenordnung zu erwarten sei.

Eine weitere Herausforderung wird darin bestehen, in der Öffentlichkeit die schlagartig geschwundene Akzeptanz für das Vorhaben wiederherzustellen. Zu diesem Zweck werden die Verantwortlichen ihre Kommunikationspolitik in Zukunft offener und weniger schönfärberisch gestalten müssen. Wenige Tage vor Beginn der Erschliessung des Wärme-Reservoirs durch Einpressen von Wasser hatte die Geopower AG am 28. November auf mögliche Beben hingewiesen, gleichzeitig aber betont, dass diese Erschütterungen «in der Regel an der Oberfläche weder fühl- noch messbar» sein würden. Man ging im schlimmsten Fall von «schwach fühlbaren Ereignissen» aus.

Ein in seiner Stärke unerwartetes Erdbeben

Die Idee, Strom aus Erdwärme zu gewinnen, hat eine lange Tradition. Während frühere Projekte jedoch vornehmlich die vorteilhaften Bedingungen in vulkanisch  aktiven Gebieten nutzten, stellt das Deep-Heat-Mining-Projekt in Basel den Versuch dar, tiefere Erdschichten für die Geothermie zu erschliessen. In dieser Hinsicht ähnelt es einem bereits 1993 begonnenen Projekt im elsässischen Soultz-sous-Forêts.

In beiden Projekten soll kaltes Wasser durch ein Bohrloch in 200 Grad heisse Gesteinsschichten gepresst werden. Nachdem sich das Wasser dort erhitzt hat, wird es wieder an die Oberfläche gepumpt, wo es eine Dampfturbine antreibt. Dass beide Projekte im Oberrheingraben angesiedelt sind, ist kein Zufall. Aufgrund einer ausgeprägten geothermischen Anomalie muss man dort nur 5 Kilometer tief bohren, um auf 200 Grad heisses Gestein zu stossen. Normalerweise wird diese Temperatur erst in einer Tiefe von 7 bis 10 Kilometern erreicht.

Ein Haken an allen Deep-Heat-Mining-Projekten ist, dass das Gestein in 5 Kilometern Tiefe in der Regel recht kompakt ist. Damit eine ausreichende Menge Wasser zirkulieren kann, muss deshalb zunächst die Wasserdurchlässigkeit des Gesteins künstlich erhöht werden. Hierzu pumpt man Wasser unter Hochdruck in die Tiefe. Das Wasser sucht sich seinen Weg und erweitert dabei winzige Klüfte im Gestein. So entsteht – begleitet von kleineren Erschütterungen (sogenannten Mikrobeben) – ein Netz von Brüchen und Rissen. Diese Mikrobeben, so störend sie auch für die Bevölkerung sein können, sind für Wissenschafter ein wichtiges diagnostisches Werkzeug. Anhand der räumlichen Verteilung der Mikrobeben können sie feststellen, ob die Stimulation des Gesteins erfolgreich verlaufen ist.

Mit der Injektion von Wasser hatten die Projektverantwortlichen in Basel am 2. Dezember begonnen. Bis zum 5. Dezember wurden dabei lediglich kleinere Mikrobeben registriert. Mit zunehmendem Wasserdruck nahm jedoch nicht nur die Zahl, sondern auch die Intensität der Erschütterungen zu. So wurden zwischen dem 5. und dem 8. Dezember 72 Beben registriert, davon 7 mit einer Magnitude zwischen 2 und 3. Am Abend des 8. Dezembers kam es dann zu jenem Beben der Stärke 3,4, das sich durch einen lauten Knall bemerkbar machte.

Dieses Ereignis sei für ihn nach den Erfahrungen im Elsass völlig überraschend gekommen, meint Manfred Baer vom Schweizerischen Erdbebendienst an der ETH Zürich. Zwar gebe es in der Schweiz jährlich einige natürliche Erdbeben dieser Kategorie, so Baer. Diese fänden jedoch in der Regel in grösserer Tiefe statt, wo sich grössere Erdspannungen aufbauen könnten als in 5 Kilometern.

Gerade diese Abweichung vom erwarteten Verhalten dürfte die Geologen noch eine geraume Zeit beschäftigen. Solange nämlich nicht geklärt ist, wie es zu dem «Ausreisser» kommen konnte und wie sich das Auslösen von Erdbeben ähnlicher Stärke in Zukunft vermeiden liesse, dürfte es schwer werden, weiterhin öffentliche Unterstützung für die umweltfreundliche Geothermie zu finden – und das nicht nur in Basel. Artikel aus der NZZ

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