Justiz ermittelt im Erdbebenskandal

OnlineReports:

Geothermie lässt Erde beben: Justiz ermittelt

BASEL. – Weil es zu teils relativ starken Erdbeben kam, wird die Wasser-Einpressung im Basler Geothermie-Projekt bis auf weiteres eingestellt. Die Krisenorganisation trat zusammen, die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Zahlreiche Leserinnen und Leser sind besorgt: Seit Tagen schrecken sie kleine bis deutlich wahrnehmbare Erdbeben. Tatsächlich weist das Seismo-Zentrum der ETH Zürich seit 3. Dezember Dutzende von Erdbeben mit Epizentrum Basel mit einer Stärke zwischen 0,9 und 3,4 auf der Richterskala aus. Eine Informantin berichtete von einer Kollegin, die es in der Nacht auf gestern Donnerstag „fast aus dem Bett gerüttelt“ habe. Heute Freitag setzten sich die Meldungen fort. Leser M.G. berichtet, er habe „letzte Nacht einen ordentlichen Schrecken bekommen“. Leser M.M. rapportiert, er sei morgens um 4 Uhr „durch einen Knall und die Vibrationen geweckt“ worden, um 4.30 Uhr habe sich „das Schauspiel“ wiederholt. Im Verlaufe des heutigen Tages hätten sich wieder mehrere Erdbeben ereignet, „die sehr gut spürbar“ waren. Leser D.S. bemerkte heute Freitagabend um 17.50 Uhr ein deutliches Erdbeben der Stärke 3,4 auf der Richterskala: „Unser Haus zitterte massiv.“ Leser C.M. schreibt: „Es schüttelt ganz ordentlich in Basel und Umgebung in den letzten 24 Stunden.“

Die Basler Polizei spricht von mehreren hundert besorgten Anrufen aus der Bevölkerung. Aus der Agglomeration Basel hingegen trafen bei OnlineReports keine Hinweise ein.

Wie ein roter Faden läuft der Tenor durch die Hinweise: Die Informationspolitik sei „katastrophal“. Denn das Dauerbeben hat offensichtlich keine natürlichen Ursachen. Vielmehr wird es ausgelöst durch die Geothermie-Bohrung in eine Tiefe von 5’000 Metern in Kleinhüningen. Durch Einpressen von Wasser in die Wärmereservoirs verursache „Erschütterungen“, teilte die Bauherrin Geopower AG heute Freitag mit. Diese Erschütterungen bewegten sich „im erwarteten Bereich und werden vom Schweizerischen Erdbebendienst überwacht“. Die Einpressversuche begannen am 2. Dezember und fällt damit genau mit dem massierten Auftreten von so genannten „Mikrobeben“ zusammen.

Damit sollen in fünf Kilometern Tiefe die bereits vorhandenen Klüfte und feinen Risse geöffnet und durchlässig gemacht werden, um so ein Wärmereservoir zu erschliessen, in dem das Wasser zirkulieren und sich erhitzen kann. Die Phase der Stimulation dauert nach Angaben der Geopower AG „maximal 21 Tage“, also bis 23. Dezember.

Das Knacken der sich öffnenden Klüfte wird laut Geopower „mit hochempfindlichen Erschütterungsmessgeräten aufgezeichnet, um die Richtung und Ausdehnung des Kluftsystems zu orten“. Diese Erschütterungen seien „in der Regel an der Oberfläche weder fühl- noch messbar“. Bloss „in vereinzelten Fällen können sie wahrgenommen werden“ – eine Behauptung, die durch zahlreiche Reaktionen in Frage gestellt wird. Der Schweizerische Erdbebendienst sei verantwortlich für die unabhängige seismische Überwachung der Stimulation. Er registriert mit eigenen hochempfindlichen Messstationen an verschiedenen Orten in der Stadt, ob und in welcher Stärke solche Ereignisse auftreten.

In Zusammenarbeit mit internationalen Experten und dem Schweizerischen Erdbebendienst sei zudem ein Massnahmenplan erarbeitet, der bei erhöhter Seismizität Einschränkungen der Tests vorsieht. Diese Massnahmen seien „auf der Basis weltweiter Referenzen erarbeitet“ worden. Sie seien „von den massgebenden Fachstellen als angemessen erachtet“ worden.

Heute Freitagabend waren solche Massnahmen bereits nötig. Nach Angaben des Basler Sicherheitsdepartements vom späten Abend wurde die Pressung mit einer solchen Intensität vorgenommen, dass die kantonale Krisenorganisation einberufen werden musste. „Diese beurteilte die Lage und leitete die notwendigen Massnahmen ein unter Beizug von Vertretern der Geopower und geologischen Experten. Als erste Sofortmassnahme wurde die Bevölkerung via Radio informiert. Ausserdem wurde als Reaktion auf den unerwartet starken Erdstoss von Seiten der Geopower damit begonnen, den Druck in der Tiefe abzubauen. Während dieser Phase waren weitere Erdstösse mit geringerer Intensität spürbar“, heisst es in einer Medienmitteilung des Sicherheitsdepartements weiter.

Schliesslich bedauern die Geopower und ihre Partner, „dass durch unerwartet starke Nebenwirkungen ihres Projektes die Bevölkerung in der Region verängstigt wurde“. Sie entschuldigt sich dafür „in aller Form“. Das Einpressen des Wassers werde bis auf weiteres eingestellt. Ebenso würden „umgehend alle wissenschafltich notwendigen Abklärungen vorgenommen“. Zudem wir mitgeteilt, dass die Staatsanwaltschaft Basel-Stadt eine Untersuchung eingeleitet hat.

Der Bevölkerung wird seitens der Kantonalen Krisenorganisation empfohlen, sich via Radio zu informieren. Es wird gebeten, von Anrufen bei den Einsatzzentralen abzusehen. Verwiesen wird schliesslich auf die allgemeinen Empfehlungen im Falle von Erdstössen: Im Freien Schutz fern von Gebäuden suchen; in Gebäuden keinen Lift benutzen, schwere Bilder über dem Bett abhängen und unter einem Tisch oder Türrahmen Schutz suchen. (8. Dezember 2006)

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