Doping und Psychodrogen als Einsatzmittel im Militär

Bei Nebenwirkungen konsultieren Sie Ihren General


 

Von Olaf Arndt

 

WOZ vom 16.11.2006


 

Doping ist eine Schnittstelle zwischen Sport und Krieg: Damit SoldatInnen Krieg führen können, werden sie mit leistungssteigernden Mitteln vollgepumpt. Ziel ist der nimmermüde Krieger.

 

 

Hermann Buhl setzte am 3. Juli 1953, in einer Zeit des sogenannten Eroberungsalpinismus, in dem jedes Mittel recht war, um auf den Gipfel zu gelangen, zu seinem legendären Alleingang auf den 8125 Meter hohen Nanga Parbat an. Buhl war gedopt: Er überlebte wahrscheinlich dank einer ordentlichen Portion Pervitin-Tabletten. Er griff neben dem Pervitin, so berichtet die Website bergnews.com, ausserdem zur Flasche und nahm einen kräftigen Schluck Kokatee, der eine den Herzkreislauf anregende Wirkung zeitigt. Die Pervitin-Tabletten hatten im Volksmund einen Namen: Panzerschokolade.


 

 

Bereits die Blitzkriegsoldaten des «Dritten Reiches» waren gedopt. Vollgeknallt und ohne Erbarmen überzogen sie Europa mit Gewalt. Enthemmt von ebenjener mit Pervitin angereicherten «Panzerschokolade», die später auch Hermann Buhl benützte. Diese «Endsiegdroge» war ein Methamphetamin – auch bekannt unter dem Namen «Hermann-Göring-Pille» oder «Stuka-Tabs». In der Schweiz war dieses Produkt bis 1941 rezeptfrei erhältlich. Die Schweizer Armee testete es laut dem Historiker Eric Gremmelmaier, der seine Lizenziatsarbeit zum Thema Dopingdiskussionen in der Schweiz verfasste, in Feldversuchen.


 

 

Im November 2005 erschossen US-amerikanische SoldatInnen in Haditha im Irak 24 unbewaffnete Personen. Die Öffentlichkeit suchte nach Erklärungen. Die Ehefrauen von Soldaten klagten in den US-Medien, dass massiver Missbrauch von Drogen und Alkohol ihre Männer zerrüttet habe. Im Nachrichtenmagazin «Newsweek» sagte die Ehefrau eines in der Nähe von Haditha stationierten Unteroffiziers: «Es ist mehr als wahrscheinlich, dass sie wegen Speed oder etwas anderem völlig wegflippten, als sie diese Zivilisten in Haditha erschossen.»


 

 

Benzhexol und Go Pills


 

 

Der Kriegsdienstverweigerer Clif Hicks, der als Soldat im Camp Slayer in Bagdad stationiert gewesen war, berichtete «Newsweek», wie SoldatInnen Langeweile und Ekel mit fünf Benzhexol-Pillen täglich bekämpften. Mit diesem Medikament werden normalerweise zitternde Parkinsonkranke behandelt. Bei Missbrauch erzeugt es Halluzinationen. «Die Leute haben Steroide, Valium, Alkohol und Schmerzmittel eingeworfen. Sie gingen bekifft auf Razzien und Patrouille», sagt Verweigerer Hicks, der sich mit siebzehn Jahren freiwillig zur Armee meldete. «Wir erschiessen immer die falschen Leute – und meistens versehentlich. Ein Typ in meiner Einheit fuhr mit seinem Panzer über eine Familie», so Hicks.


 

 

Die US-Armee ist im Irak ausser Kontrolle. Ganze Einheiten psychischer Wracks müssen in die Heimat zurückgeschickt werden. Für die Verbliebenen organisiert die US-Armee «Auffrischungskurse in Schlachtfeldethik». Dies ist zynisch angesichts der Wege, auf denen Dopingmittel ins Regiment gelangen. Oft sind es Vorgesetzte, die chemische Potenzpillen gezielt bei den Truppen einschleusen. Manchmal versuchen sie, die Verabreichung legal als Selbstmedikation darzustellen oder sogar als «Wellnessprophylaxe» zu verniedlichen.


 

 

Die Armee wird so zum Dopingdealer. «Fatigue Management Tools» (Müdigkeitskontrollpillen) heissen die Dopingmittel in der Militärsprache. Ein Beispiel für den militärisch koordinierten Einsatz von Drogen ist das medizinische Informationspapier der US-Luftwaffe zu den Go Pills, die das Amphetamin Dexedrin enthalten. Im Dokument heisst es dazu: «Der Gebrauch von Go Pills ist durch das Einsatzprogramm des Hauptquartiers geregelt.» Wenn SoldatInnen nach Dopingmitteln fragen, sieht das Dokument eine Befehlskette vor. Es schliesst mit einem detaillierten Beipackzettel zu den Nebenwirkungen. Unterschrieben hat es Brigadegeneral Maurice H. Forsyth.


 

 

Auch wenn Amphetamine keine Halluzinationen erzeugen – die Nebenwirkungen sind Kollateralschäden und fatale Verwechslungen: 2002 töteten versehentlich US-Piloten in Afghanistan vier kanadische Soldaten. Eine Stunde davor hatten sie Go Pills eingenommen. Während die US-Luftwaffe ihren Piloten Go Pills verschreibt, verbietet die US-Marine ihren Piloten hingegen die Einnahme. Sie sollen dank Kaffee und koffeinstarker Cola wach bleiben.


 

 

Der nimmermüde Krieger


 

 

Speed oder Koffein: Das Ziel der Militärs ist der nimmermüde Krieger. Der Soldat der Zukunft soll sich nicht mehr ausruhen oder schlafen müssen. Seit vielen Jahren forscht das US-amerikanische Militärforschungszentrum Darpa an Substanzen, die Menschen bis zu einer Woche lang ununterbrochen wach und konzentriert halten können.


 

 

Das erinnert an die geheime CIA-Forschung an einer «Wahrheitsdroge» in den fünfziger Jahren. Damit hätten «kommunistische Agenten» verhört werden sollen. Kurz vor seinem Tod bekannte Timothy Leary, Psychologe und Drogenheld der Beatniks, seine LSD-Versuche seien Militärprojekte gewesen. Der CIA finanzierte sie über das National Institute of Mental Health. Unvergessen sind auch die in den siebziger Jahren in die Öffentlichkeit geratenen Filme, in denen Testpersonen der US-Armee unter dem Einfluss von LSD Gewehre zerlegen und wieder zusammenbauen mussten.


 

 

«Aktivieren» und «Beschleunigen»


 

 

Der Soziologe Wolf-Reinhard Kemper von der Universität Lüneburg versucht systematisch, diese Prozesse zwischen (Bio-)Chemie, Militärforschung, Soziologie und Politik ins Visier zu nehmen. In seinem neuen Buch, das im Sommer 2007 erscheinen wird, beginnt er mit einer gründlichen Aufarbeitung der Geschichte. Es tönt wie eine Geschichtsschreibung der Kriegsdrogen, wenn er vom «Wein als Waffe» und der List der Truppen Kretas im Krieg gegen die Syrier spricht. Oder von den per Dekret geregelten Kontingenten von Emmer-Bier bei den Mesopotamiern.


 

 

Dabei stehen sich an den Enden einer Achse die Wirkungen «Aktivieren» und «Beruhigen» gegenüber, die Folgen der Verabreichung von Drogen. In ihrer Mitte zweigt die Halluzination nach weit aussen ab, ein wenig gewünschter Effekt im Krieg. Doch der interessante und in der Geschichte der Drogen tatsächlich neue Punkt befindet sich auf der Achse selbst und exakt in ihrer Mitte. Zum Beschleunigen (in den Einsatz hinein) oder Herunterbremsen (Entspannung nach der Show) wurden Drogen schon immer eingesetzt. Mal nahm man solche, die Mut machten oder den Schmerz weniger fühlbar werden liessen; mal erzeugte man künstlich die Aggressivität, die natürlich nicht vorhanden war. Oder man «überredete» die Unwilligen zur Schlacht, indem man sie vorher betäubte. Und immer war der Drogenfluss in den Händen der Macht, die Zuteilung geregelt, portioniert, erwünscht.


 

 

Heute komme noch eine dritte Wirkung hinzu, so Kemper: Die Militärs suchten zunehmend nach Mitteln, die einen Superzustand über längere Zeit garantieren: hohe Intelligenz, hohe Fitness, hohe Ausdauer. Das moderne militärische Dopingmittel soll also nicht mehr zwischen Aggressivität und Entspannung hin und her pendeln.


 

 

Wetware, Software, Hardware


 

 

Der Computer- und Kulturwissenschaftler Chris Hables-Gray hat bereits vor zehn Jahren in seinem Text «Das US-Militär und der postmoderne Kämpfer» die heutigen SoldatInnen beschrieben: «Heute wird der Soldat oder die Soldatin umgebaut und umprogrammiert, um lückenlos in die Waffensysteme zu passen. Die Grundeinheit jedes Krieges, der menschliche Körper, ist der Ort dieser Veränderungen, seien es die «wetware» (der Kopf und die Hormone), die «software» (die Gewohnheiten, Fähigkeiten und Disziplin) oder die «hardware» (der Körper). Um die Grenzen des Soldaten von gestern zu überwinden, aber auch die der Automation als solcher, strebt das Militär eine subtilere Verbindung von Mensch und Maschine an.» Und: «Der postmoderne gemeine Soldat ist entweder tatsächlich eine Maschine, oder er wird durch Psychotechnologien wie Drogen, Disziplin und Führung dazu gebracht, wie eine zu handeln.»


 

 

Der Körper des Soldaten als militärischer Dienstleister gehört der Armee. Seine Pflege ist eine Verpflichtung. Für den Körper und Geist des Soldaten gilt das Gleiche wie für sein Gewehr: So wie man die Waffe schmiert, konserviert und für den Gebrauch präpariert, so kümmert man sich um seinen eigenen Körper wie um etwas Äusserliches, das sich im Besitz des Staates befindet.


 

 


 

 


 

 


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Eine Antwort zu “Doping und Psychodrogen als Einsatzmittel im Militär

  1. caesarthinksforhimself

    Ritalin wird vermehrt von Jugendlichen und Studenten zur vermeintlichen Leistungssteigerung genommen und Kindern bei sog. ADHS zur vermeintlichen Beruhigung gegeben. Was kaum jemand weiß: Ritalin (Methylphenidat) ist chemisch eng verwandt mit Kokain!! Ärzte und Eltern würden ihren Kindern jedoch kein Kokain geben … hier ist Aufklärung auch über die verheerenden Nebenwirkungen (Agressionspotential – siehe Amokläufe in den USA) dringend nötig!

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