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UBS kommt ins Grübeln

Donnerstag, 26. Februar 2009 · 1 Kommentar

Die Schweizer Grossbank UBS wechselt den Konzernchef aus: Der frühere Credit-Suisse-CEO Oswald J. Grübel löst mit sofortiger Wirkung Marcel Rohner ab.

Oswald Grübel, der frühere Chef von der Credit Suisse, wird neuer Chef der Großbank. Damit vollzieht die Bank einen weitern Schritt, um das Vertrauen wiederherzustellen. Marcel Rohner sei zurückgetreten. Grübel erklärte, er sei überzeugt, dass es auf dem Schweizer Finanzplatz mehr als eine globale Großbank brauche. Die UBS mit ihrer einzigartigen Kundenbasis im Wealth Management, Investment Banking und Asset Management zu führen, bedeute eine faszinierende Herausforderung. Die UBS signalisiert damit, dass sie keine Übernahme Kandidatin ist oder zumindest sein will.

Dies gab die von der Finanzkrise und einer Steueraffäre in den USA gebeutelte Bank heute Donnerstag in Zürich bekannt. Die UBS hat im vergangenen Jahr mit einem Minus von knapp 20 Milliarden Franken (13 Milliarden Euro) den grössten Verlust in der Firmengeschichte erlitten. Als Konsequenz kündigte die Bank vor zwei Wochen den Abbau von 2000 Stellen sowie eine strategische Neuausrichtung an.

Mit dem Wechsel hofft der UBS-Verwaltungsrat, das Vertrauen in die Bank wiederherzustellen. Der UBS-Verwaltungsrat habe Grübel «mit sofortiger Wirkung» zum Konzernchef ernannt, heisst es in einer Mitteilung vom Donnerstag. Marcel Rohner sei «von seiner Funktion zurückgetreten». Marcel Rohner übernahm den Chefposten der UBS im Juli 2007 von Peter Wuffli. Zuvor leitete er fünf Jahre lang das Wealth Management der Bank, nachdem er Group Chief Risk Officer und Chef der Kontrolle von Marktrisiken gewesen war. Der Aargauer ist promovierter Ökonom der Universität Zürich.

Bei der Credit Suisse erfolgreich

Oswald Grübels «grosse Erfahrung im Bankgeschäft und seine Führungseigenschaften auch in Phasen der Transformation» würden für die UBS in «diesem anspruchsvollen Umfeld von unschätzbarem Wert» sein, heisst es in der Mitteilung weiter. Bei seinem früheren Arbeitgeber Credit Suisse habe Grübel in einer Zeit der Umwälzungen das Unternehmen erfolgreich in die Gewinnzone zurückgeführt und das Vertrauen wiederhergestellt. Von 2003 bis Frühjahr 2007 war er Co-Chef beziehungsweise Konzernchef der CS Group.

Grübel wurde 1943 im Osten Deutschlands geboren. Er verlor seine Eltern im Krieg und wuchs zunächst bei seiner Grossmutter in Thüringen auf, später bei Verwandten in Frankfurt. Danach machte er eine steile Karriere als Banker: nach einer Ausbildung zum Bankkaufmann bei der Deutschen Bank kam er 1970 zu dem zur Credit Suisse Group gehörenden Investmenthaus White Weld Securities in London, wo er nach verschiedenen Tätigkeiten 1978 als CEO die Leitung übernahm.

Auch seine weitere Laufbahn verlief von da an innerhalb der Credit Suisse Group. 1985 wurde er Mitglied des Group Executive Board der Financière Credit Suisse First Boston in Zug. Auch seine weitere Karriere machte Grübel bei der CS: 1998 übernahm er als CEO die Verantwortung des Bereichs CS Private Banking, bis er zum CEO der Credit Suisse aufstieg.

Die Neubesetzung des Postens des Konzernchefs bei der UBS ist im Departement von Bundespräsident Hans-Rudolf Merz am Donnerstag als positives Signal gewertet worden.

Der neue CEO verfüge über eine grosse Erfahrung, eine hohe Glaubwürdigkeit und habe in seiner früheren Funktion die Fähigkeit bewiesen, in schwierigen Zeiten eine Grossbank zu führen, sagte Roland Meier, Sprecher des Eidgenössischen Finanzdepartements (EFD), auf Anfrage. Das EFD sei deshalb zuversichtlich, dass mit dieser Wahl ein Beitrag zur Stabilisierung der Bank geleistet werde und das Vertrauen zurückgewonnen werden könne.

Bundespräsident Merz hatte bereits am 19. Februar bei der Bekanntgabe des Bundesratsbeschlusses im Zusammenhang mit der Herausgabe von UBS-Kundendaten an die US-Justiz gesagt, dass die Affäre auch eine personelle Aufarbeitung bei der vom Bund unterstützten Grossbank nötig mache. Keine Stellungnahme zum Personalentscheid an der UBS-Spitze gab die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht Finma ab. Man sei aber über den Wechsel informiert gewesen, sagte Finma-Sprecher Alain Bichsel.

Leuthard begrüsst UBS-Chefwechsel

Wirtschaftsministerin Doris Leuthard hat den Chefwechsel bei der UBS begrüsst. «Ich glaube, es ist eine gute Entscheidung des Verwaltungsrats», sagte sie am Donnerstag vor Journalisten in Zürich. Die Bundesrätin gab sich zuversichtlich, dass das Vertrauen in die Grossbank zurückkehre, angesichts der Situation, in der sich das Institut befinde. Auf die Person von Oswald Grübel angesprochen, verwies Leuthard auf die internationale Vernetzung des früheren Credit-Suisse-Chefs.

FDP-Präsident Pelli erfreut über Ernennung von Grübel

FDP-Präsident Fulvio Pelli hat sich erfreut über die Ernennung von Oswald Grübel zum neuen UBS-Konzernchef gezeigt. Der Wechsel an der Spitze der Bank überrasche ihn nicht, sagte Pelli in einem Beitrag von Schweizer Radio DRS4 News. Der abtretende CEO Marcel Rohner habe die Aufgabe in einer schwierigen Phase nach der Krise im vergangenen Jahr eher im Sinne eines Provisoriums übernommen. Die Suche der UBS nach einem neuen Konzernchef sei seit langem im Gange gewesen. Mit Grübel habe die UBS eine Person gefunden, die sehr viel Kompetenz und Erfahrung sowie auch die notwendige Ruhe besitze, sagte der Tessiner Nationalrat.

SVP: Einsatz für Bankenplatz Schweiz

SVP-Präsident Toni Brunner sieht das Comeback des ehemaligen Credit-Suisse-Chefs Oswald Grübel bei der UBS als Zeichen seines Einsatzes für eine Stärkung des Bankenplatzes Schweiz. Der Rücktritt von UBS-Konzernchef Marcel Rohner sei nicht sehr überraschend, sagte Brunner auf Anfrage. So wolle die UBS nun alles unternehmen, um das Vertrauen der Kunden zurückzugewinnen. Der Wechsel an der Spitze der Bank sei als vertrauensbildende Massnahme anzusehen. Die Bank wolle ein Zeichen setzen und mit einem neuen unbelasteten CEO die herrschende Krise bewältigen. Vor dem Hintergrund, dass die Credit Suisse und die UBS immer grosse Konkurrenten gewesen seien, sei die Übernahme der Konzernleitung durch Grübel eine Überraschung. Sein Amtsantritt sei als Zeichen dafür zu sehen, dass es jetzt um den Bankenplatz Schweiz gehe und Animositäten zurückgestellt würden. Die fachlichen Qualitäten von Grübel seien unbestritten. Er müsse nun alles dazu beitragen, dass das Vertrauen in den Bankenplatz Schweiz zurück gewonnen werden kann.

SP: Richtig und überfällig

SP-Präsident Christian Levrat hat den Wechsel an der UBS-Spitze als richtig und überfällig bezeichnet. Marcel Rohner wollte und konnte den nötigen Kulturwechsel nicht herbeiführen, wie Levrat auf Anfrage der AP sagte. Für SP-Nationalrätin Fässler ist auch ein Rücktritt von Verwaltungsratspräsident Peter Kurer nötig.

Rohner scheine von der Krise getrieben worden zu sein, statt diese zu managen. Zudem ist nicht auszuschliessen, dass der abtretende UBS-CEO wegen der laufenden Steuerfluchtverfahren schon bald ins Visier der Justiz gerate. Mit Oswald Grübel erhielten die verunsicherten UBS-Mitarbeitenden einen international anerkannten Bankexperten. Auf ihn warten laut Levrat grosse Aufgaben. So müsse er die UBS wieder in erfolgreicheres Fahrwasser bringen sowie das Vertrauen der Öffentlichkeit und der Kundschaft zurückgewinnen. Dafür brauche es einen deutlichen Kulturwechsel, wofür Grübel selbst auch umdenken müsse. So habe es Grübel selbstverständlich gefunden, dass Topmanager wie er selbst während der fetten Jahre zweistellige Millionensaläre kassierten hätten, weil der Markt das so verlangt habe. Er bekomme nun offenbar drei Millionen Franken im Jahr, was unverständlich sei für ein Unternehmen, das Staatshilfe erhalte, sagte Levrat. Die Löhne der Topkader von Banken, die Steuergelder erhielten, sollten nicht höher sein als bei bundesnahen Unternehmungen wie Post oder SBB, forderte der SP-Chef.

Die St. Galler SP-Nationalrätin Hildegard Fässler zeigte sich von dem Rücktritt von Rohner nicht überrascht. Überrascht sei sie einzig darüber, dass es keinen Zweierrücktritt gegeben habe, sagte Fässler in einem Beitrag von Schweizer Radio DRS4 News. Vielleicht sei dies aber in Stufen geplant. So müsse an der Spitze etwas passieren, da die jetzige Crew das Vertrauen nicht habe aufbauen können. Ein Wechsel sei dringend nötig, erklärte sie.

UBS-Aktie zieht nach Rohners Abgang um 15 Prozent an

Sofort nach Handelsbeginn heute Morgen legte die UBS-Aktie zu. Auch der SMI befindet sich im Aufwind.

Der Kurs von UBS stand um 9 Uhr bei 11,60 Franken. Das sind 14,9 Prozent mehr als gestern bei Handelsschluss, als die Aktie bei 10,10 Franken stand. Nach zehn Minuten notierte die Aktie bei 11,33 Fr. mit 12,2 Prozent im Plus. Im Handel wurde auf den hervorragenden Leistungsausweis von Oswald Grübel bei der Credit Suisse verwiesen.

Der Swiss Market Index (SMI) lag zur Handelseröffnung bei 4776,38 Punkten und damit um 1,57 Prozent im Plus.

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SCOACH: Tadel für Market Maker

Montag, 28. April 2008 · 1 Kommentar

Trotz den herben Rückschlägen an den Aktienbörsen im Jahr 2008 haben strukturierte Produkte kaum an Anziehungskraft verloren. So schmerzhaft die Phase war, viele Investoren haben dabei dazugelernt. Sie wissen nun: Auf den Emittenten kommt es an. Das gilt nicht nur im Hinblick auf die Bonität einer Bank – ein Kriterium, das seit der Beinahepleite der Investmentbank Bear Stearns, die in Deutschland einige Dutzend Produkte im Markt hat, vermehrt ins Blickfeld gerückt ist. Sondern es gilt auch für das Verhalten der Emittenten in kritischen, weil sehr volatilen Marktphasen. Während der Turbulenzen an den Börsen Mitte Januar und Mitte März wurde – wie schon in ähnlichen Phasen im Vorjahr – bei den Banken die Spreu vom Weizen getrennt. Die Schönwetter-Emittenten verabschiedeten sich – teilweise während mehrerer Stunden – aus Produktsegmenten, während die Profis selbst in hoch volatilen Phasen tapfer weiter Kurse stellten und dabei auch die Gefahr von eigenen Verlusten in Kauf nahmen. Letzteres sollte eine Bank nicht allzu sehr betrüben, verdient sie doch mit strukturierten Produkten alles andere als schlecht. In Marktkreisen und den Foren im Internet tauchen sowohl grosse wie kleine, bekannte wie weniger bekannte Emittenten auf, an denen Kritik wegen teilweise mangelnder Kursstellung in den Märkten Deutschland und Schweiz geübt wird, etwa BNP Paribas, Banque Cantonale Vaudoise (BCV), Citigroup, HSBC Trinkaus & Burkhardt, Merrill Lynch, Sal. Oppenheim und UBS. Allerdings kann sich das Verhalten der Banken schnell ändern, je nachdem, wie viel Personal gerade zur Verfügung steht oder ob vielleicht der Chef gewechselt hat. Während die Emittenten in Deutschland eigentlich zur Kursstellung zumindest für kleine Stückzahlen verpflichtet sind, fehlt derzeit diese Pflicht in der Schweiz völlig. Deswegen will die deutsch-schweizerische Derivatebörse Scoach völlig zu Recht auch in der Schweiz dazu übergehen, Fehlverhalten der Emittenten gemäss der Devise «name it and blame it» anzuprangern. In Deutschland macht sie dies schon erfolgreich seit einem Jahr, weswegen etwa die durchschnittliche Geschwindigkeit der Ausführung von Aufträgen von 10 Sekunden auf nun etwa 2,5 Sekunden gesunken ist. In der Schweiz will Scoach ab dem dritten Quartal sogar noch genauer auf das Verhalten der Emittenten schauen und auf täglicher Basis sowie teilweise pro Produkt die Daten veröffentlichen. Dieses sichtbare Tadeln ist effizienter als eine rechtliche Regulierung, schlägt die öffentliche Kritik doch bis in die höchsten Etagen der Banken durch.

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Arbeit – Bedrohung oder Quelle der Gesundheit?

Donnerstag, 29. November 2007 · Kommentar schreiben

Arbeit – Bedrohung oder Quelle der Gesundheit?

Die Beziehung von Arbeit und Gesundheit ist uns vor allem aus einer Perspektive vertraut: Belastende Arbeitstätigkeiten und -bedingungen können unsere Gesundheit beeinträchtigen und Krankheiten verursachen. Die Diskussion krankt aber verbreitet an einem eingeschränkten Blickwinkel: Zum einen wird Arbeit hauptsächlich von ihrem gesundheitsschädigenden Potential her betrachtet, zum andern liegt oft ein wenig reflektiertes Verständnis von Gesundheit vor, das einseitig nach Ursachen von Krankheiten sucht. Spätestens seit den Befunden einer massiven Bedrohung der Gesundheit durch den Skandal der Arbeitslosigkeit stellen sich neue Fragen: Was erhält Menschen eigentlich gesund? Welches sind sozusagen „Ressourcen“ von Gesundheit? Und: Gehört zu diesen Ressourcen nicht auch unsere tägliche Arbeit?

By Ueli Kraft *

Wer arbeitet, kennt die beiden Seiten: Arbeit kann bereicherndes Tun sein, das unserem Leben Sinn gibt – sie kann aber auch eine Last sein. Den Aspekt der Sinnstiftung hat der Schriftsteller Ludwig Hohl auf den Punkt gebracht: Er nennt Arbeiten ein eigenes Tun, zu dem uns nicht fremde, äussere, sondern innere Gewalten nötigen, »das einzige, was Leben gibt, was retten kann« (1944). Und Max Frisch formuliert: »Erst in Zeiten, wo die Arbeit uns wieder verlassen hat, zeigt es sich deutlicher, warum man, wenn irgend es geht, überhaupt arbeitet; es ist das einzige, was uns am Morgen, wenn man jäh und wehrlos erwacht, vor dem Schrecken bewahrt; was uns in dem Labyrinth, das uns umgibt, weitergehen lässt; es ist der Faden der Ariadne.« (1950). Hier wird Arbeit als eigentlichste Lebensäusserung verstanden, als Verwirklichung und Weiterentwicklung des Menschen – ausgeprägt in der Form einer meditativen Versenkung in eine Tätigkeit, das selbstbestimmte und zugleich selbstvergessene Einswerden mit ihr und der Welt, wie wir es aus dem Umfeld etwa des Zen-Buddhismus kennen. Aber auch unsere Kultur liefert entsprechende Beispiele: Eine meiner frühesten Kindheitserinnerungen bewahrt Bilder und Gerüche einer Sattlerwerkstatt im Dorf meiner Grosseltern: die offene Tür zur Werkstatt, der kleine Bach vor dem Haus, auf der Schwelle spielende Kinder, der gottesfürchtige Mann bei seiner Arbeit, ruhig und stetig. Diese Verschränkung von Arbeiten, Leben und Wohnen gerät uns natürlich leicht zur Idylle. Die Idealisierung solchen Arbeitens ist aber Symptom, sie kennzeichnet insbesondere auch „Aussteiger“, die in „Alternativbetrieben“ wirklich vieles auf sich nehmen, um selbstbestimmt arbeiten zu können.

Diesem Ideal gegenüber liegt ein durch Fremdbestimmung und Zwang geprägtes Arbeiten. Für die extremste Form mögen die Pyramiden, die Grosse Mauer in China, Kanäle und Bahnlinien in Sibirien stehen. Sie wurden nicht von Despoten erbaut, sondern von Heeren von Sklaven, Verurteilten oder Unterdrückten, die bis zum Umfallen schuften mussten. »Arbeit macht frei« stand als zynisches Memento über dem Eingangstor von Auschwitz. – Aber auch die Gegenwart kennt genügend Beispiele: Die Arbeiter in den Minen Südafrikas, auf den Plantagen Mittel- und Südamerikas, zeitweise auch die Emigranten auf den Baustellen Europas riskieren – fern von ihren Familien – nach wie vor ihre Gesundheit in Arbeitsverhältnissen, die nur jemand eingeht, den die nackte Not dazu zwingt. Solche Gegebenheiten sind verbunden mit der Leistungsgesellschaft, die die Arbeit nach Macht und Besitz organisiert. Im Zuge der Industrialisierung haben sich die seit jeher bestehenden Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Herrschenden und Untertanen in solche zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer gewandelt. Und aus dem »liberté, égalité, fraternité«, das noch heute die französischen Münzen ziert, hat die bürgerliche Gesellschaft ein „freie Bahn dem Tüchtigen“ gemacht – im so genannten „freien“ Markt fressen die Stärkeren die Schwächeren nicht nur gnadenlos, sondern auch noch in der Überzeugung eigener Tüchtigkeit. Und wer arm ist, ist selber schuld, dass er schweisstreibende Arbeit verrichten muss. Die Fremdbestimmung in der Arbeit, die Trennung von Kopf und Hand erfährt heute durch die zunehmende Überführung menschlichen „Produktionswissens“ in die Maschinen eine neue Blüte. Und vielerorts steckt hinter diesen Bemühungen die technokratische Vision menschenentleerter Produktionshallen.

Wo unsere Arbeit auf der Achse zwischen selbstbestimmtem Wollen und fremdbestimmtem Sollen zu liegen kommt, hängt unter den gegenwärtig gegebenen Verhältnissen von verschiedenen Faktoren ab – von unserer sozialen Herkunft, vom Geschlecht, vom Bildungsstand, von der Wirtschaftslage, von regionalen Besonderheiten des Arbeitsmarktes. Schon bei der Berufswahl steht dem Versprechen einer Selbstverwirklichung im Beruf der zeitweilig barsche Wind der Arbeitswelt gegenüber, die Zuweisungen nach ihren Bedürfnissen vornimmt. Die Rollen, die angeboten werden, werden von den einen bewusst und gerne gewählt, von anderen unter Zwängen und nur zögernd „geschluckt“. Und: Die einen können ihre Arbeit als wesentlichen Bestandteil der eigenen Identität verstehen, den anderen bleibt sie fremd und äusserlich.

Gesundheit: Zustand oder Prozess?

Unser Alltagsverständnis von Gesundheit orientiert sich zwar weitgehend an der Abwesenheit von Krankheitssymptomen, schliesst aber über soziales und psychisches Befinden die Ahnung ein, dass die Sache etwas komplizierter sein dürfte – eine Einsicht, die auch in der Wissenschaft langsam Fuss fasst. Die ursprünglich unterschiedlichen Zugänge der Medizin, der Biologie und der Psychologie verdichten sich seit einigen Jahren zu einer „ökologischen“ Sichtweise, die das technokratische Denken vieler Schulmediziner zu relativieren versucht. Der Grundgedanke liegt darin, dass wir potentiell krankmachenden Belastungen der physikalischen, biologischen und sozialen Umwelt eigentlich dauernd ausgesetzt sind, und es stellt sich die Frage, wie und womit wir diesen begegnen können. Es handelt sich nach diesem Verständnis um ein – gelingendes und misslingendes – Wechselspiel zwischen den die Gesundheit bedrohenden Faktoren und Schutzmechanismen. Gesundheit ist damit nicht einfach da, sie muss von uns sozusagen immer wieder hergestellt werden.

Wo wir Gesundheit nicht mehr lediglich körperlich verstehen, müssen wir nach den verschiedenen Faktoren fragen, die uns helfen, gesund zu bleiben oder unsere Gesundheit wieder zu erlangen. Solche Ressourcen liegen in der Umwelt – Stichworte: saubere Luft, Wohnsituation -, in unserem eigenen Gesundheitsverhalten – Stichworte: gesunde Ernährung, Vermeidung oder Reduzierung potentiell schädigender Genussmittel und ausreichende Bewegung. Sie liegen in der Arbeit, sofern uns diese von der Sache und von der sozialen Seite her „etwas bringt“; sie liegen in uns selber, wo wir – basierend auf unserem Selbstwertgefühl und einer positiven Haltung dem Leben, den anderen Menschen, unseren Gefühlen und unserer Arbeit gegenüber – sinnvolle Strategien im Umgang mit Belastungen verfügen oder solche entwickeln können; sie liegen in den sozialen Beziehungen in der Familie, unter Bekannten und am Arbeitsplatz, wo wir auf Verständnis und Unterstützung treffen können.

Die in uns liegenden persönlichen und die sozialen Ressourcen können zusammenfassend als psychosoziales Immunsystem verstanden werden, das eng mit dem biochemischen System „zusammenarbeitet“. Wer einen Raubbau an diesen Ressourcen begeht – etwa indem Beziehungen zur Lebenspartnerin oder zum Lebenspartner nur „ausgebeutet“ und nicht gepflegt werden -, schädigt sich über kurz oder lang selber, indem wesentliche Bestandteile des so verstandenen Immunsystems geschwächt werden.

Arbeit: Belastung oder Ressource von Gesundheit?

Obwohl wir in der Schweiz eine der höchsten durchschnittlichen Lebenserwartungen haben, sind offenbar die wenigsten Menschen in einem umfassenden Sinne gesund. Die Prämien der Krankenkassen steigen und steigen; Hausärztinnen und Hausärzte sehen sich zunehmend mit psychosomatischen Störungen konfrontiert – die Psyche macht sozusagen nicht mehr mit und sucht sich in der physischen Erkrankung ein gesellschaftlich anerkanntes Mittel zur Entlastung. Das ständige Getrieben-Sein in unserer Leistungsgesellschaft zeigt mannigfache physische, psychische und soziale Folgen – wir nennen einen Teil davon Ziviliationskrankheiten: Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebsleiden oder Allergien aller Art sind physische Signale dafür, dass unsere Abwehr überlastet wird; Abhängigkeiten von Genussmitteln, Drogen und Medikamenten Zeichen von untauglichen Versuchen, mit dem subjektiv als massiv erlebten Druck fertig zu werden. Eine Sinnkrise spiegelt sich in Selbstmordraten und in der Raserei auf den Strassen. Der Boom pseudo-psychotherapeutischer Angebote ist ebenso Symptom wie die rasant steigenden Umsätze mit esoterischen Schriften und Gerätschaften. Immer mehr Menschen leiden unter Depressionen, sind einsam, fühlen sich bedroht, haben Angst. Das gehetzte Funktionieren in einer technokratischen Welt geht offenbar einher mit einer emotionalen und sozialen Verkümmerung, auf Kosten von Lebendigkeit und Gelassenheit.

Nun wäre es etwas gar plump, die Produktionsverhältnisse der Wirtschaft pauschal zur allein Schuldigen zu stempeln. Aber wir können uns fragen, welche Vorkehrungen in den Betrieben getroffen werden könnten, damit nicht lediglich negative Auswirkungen der Arbeit vermieden, sondern positive gefördert werden. Die Arbeitspsychologie hätte auf beiden Seiten einiges zu bieten.

Eine lange Tradition hat die Forschung zur Belastungsvermeidung, die das Phänomen Stress mittlerweile sehr gut versteht: Wo in der Arbeitswelt Planung, Ausführung und Kontrolle einer Tätigkeit auseinandergerissen worden sind, wo in ausgeklügelten Hierarchien der eine über den anderen verfügt, wo einzelne vereinzelt „gegen“ fremdgesetzte Termine kämpfen, sind Voraussetzungen zur Entstehung von Gefühlen eines Kontrollverlustes und von Ohnmacht gegeben – unabhängig von der Persönlichkeit der Arbeitenden selbst. Als spezifische Stressfaktoren können verschiedenste Merkmale der täglichen Arbeit in Betracht kommen. Ähnlich der Formulierung des Paracelsus, wonach ein jedes Ding – je nach Dosierung – Gift oder nicht Gift ist, kann ein Zuviel einzelner oder mehrerer Belastungsaspekte Stress auslösen: Alleinsein kann sehr angenehm, Isolation hingegen sehr belastend sein. Kontakt mit Menschen zu haben, entspricht einem verbreiteten Bedürfnis, anderen nicht mehr ausweichen zu können, kann Stressreaktionen provozieren. Zeitdruck kann als Herausforderung wirken, wo wir auf die entsprechenden Faktoren keinen Einfluss haben, kann er uns lähmen. Zuwenig Bewegung ist so ungünstig wie zuviel körperliche Belastung, Unterforderung so schlecht wie klare Überforderung. Das je günstige oder erträgliche Mass variiert natürlich – wir Menschen sind halt verschieden. Die allgemein ungünstigen gesundheitlichen Auswirkungen solcher Belastungen in Kombination mit geringen bis fehlenden Kontrollmöglichkeiten sind durch die Forschung aber hinreichend belegt. Die Arbeitspsychologie hat auf solche Ergebnisse mit Versuchen geantwortet, auf die Gestaltung von einzelnen Arbeitsaufgaben und ganzen Organisationen einzuwirken. Vielerorts hat dies auch bewirkt, dass solche Belastungen allgemein reduziert worden sind – ganze Berufsgruppen oder bestimmte Funktionen leiden aber nach wie vor darunter, dass hohen Anforderungen mittels geringsten Spielräumen und Entscheidungsbefugnissen genügt werden soll.

Die Möglichkeiten einer Gesundheitsförderung durch die Betriebe erschöpfen sich nicht in gutgemeinten Aktionen wie Gymnastik vor den Bildschirmen. Nach dem oben skizzierten Verständnis von Arbeit hätten Arbeitspsychologie und Betriebe Möglichkeiten, die aus ihren eigentlichen Feldern stammen und die so neu gar nicht sind. Konzepte zur Motivationsförderung, zur persönlichkeitsförderlichen Gestaltung von Arbeitstätigkeiten und zur Förderung eines sozial unterstützenden Arbeitsklimas können auch als Konzepte zur Erhaltung der Gesundheit verstanden werden. Die Arbeit birgt in sich ja auch das Versprechen, dass wir davon etwas haben könnten: Befriedigung, Selbstbestätigung, Anregung zur Weiterentwicklung unserer Persönlichkeit. Arbeit kann dann Ressource sein, wenn sie unseren Fähigkeiten entspricht und diese auch steigert, wenn sie sozusagen „ganzheitlich“ ist, das heisst, wenn wir selber planen, ausführen und kontrollieren können, wenn wir Entscheidungen selber treffen oder mitbestimmen können, wenn wir mit anderen Menschen kooperieren können – die aufgezählten Punkte entsprechen alten Forderungen der Arbeitspsychologie. Solche Arbeit „schütteln wir nicht aus dem Ärmel“, sie fordert uns heraus und strengt auch an. Aus der Motivationsforschung wissen wir, dass so erbrachte Leistungen uns – direkt über die Sache selbst und indirekt über soziale Anerkennung – belohnen, unser Selbstwertgefühl stützen und steigern.

Wir sehen also: Fremdbestimmte, uns „äusserlich“ bleibende Arbeit kann zwar so gestaltet werden, dass die damit verbundenen Belastungen erträglich bleiben und zu keinen Beschwerden führen. Viele Menschen haben sich in derartigen Arbeitsverhältnissen arrangiert und geben sich damit auch leidlich zufrieden. Damit Arbeit aber auch Ressource von physischer, psychischer und sozialer Gesundheit und von wirklichem Wohlbefinden sein kann, muss mehr gegeben sein: Zum einen Möglichkeiten, die Arbeitssituation nach eigenen Vorstellungen zu beeinflussen – formulieren wir es ruhig als Selbst- oder Mitbestimmung über Ziele und Wege; zum anderen soziale Unterstützung – sei es in Form direkter Hilfen oder als emotionale Stütze. Erst dann kann sie das werden, was sie potentiell sein kann: Ansatzpunkt persönlicher Entwicklung, zentrale Stütze unserer Identität, Sinnstiftung in unserem Leben, der Faden der Ariadne…

Arbeit zur Ressource machen!

  • Arbeit ist nicht an sich beglückend oder mühsam. Was und wie wir arbeiten, ist durch gesellschaftliche und wirtschaftliche Verhältnisse in mehr oder minder grossem Masse mitgeprägt. Selbstverwirklichung und Fremdbestimmung stehen zwar als Endpunkte einer Skala, beide sind aber in unterschiedlichsten Kombinationen miteinander verschränkt und bilden ein Spannungsfeld, dem die meisten von uns ausgesetzt sind. Wo die verfügbaren Berufsrollen mit unseren Interessen vereinbar sind, kann die Arbeit sinnstiftend wirken und unser Selbstvertrauen stärken. Wo diese auseinanderklaffen, kann sie fremd bleiben und äusserlich.
  • Gesundheit ist eine Leistung des ganzheitlich verstandenen Organismus: Wir sind dauernd Belastungen der physikalischen, biologischen und sozialen Umwelt ausgesetzt, die potentiell krank machen können. Diesen Belastungen begegnen wir aber mit Hilfe von Ressourcen, die in uns selber, in sozialen Beziehungen, in unserer Arbeit und unserer Umwelt liegen. Solange das biochemische und psychosoziale Immunsystem dieses Gleichgewicht aufrecht erhalten kann, stellen wir Gesundheit also immer wieder her. Wenn dies nicht mehr gelingt, werden wir krank.
  • Unsere Arbeit kann unsere Gesundheit belasten oder fördern. Wo sie uns entfremdet wird, unsere Bedürfnisse nicht befriedigt, uns auslaugt und subjektiv als nicht mehr zum eigentlichen Leben gehörig empfunden wird, fehlt sie nicht nur als wichtige Ressource, sondern belastet unseren Organismus. Wo wir unter geringen Entscheidungsbefugnissen hohen Anforderungen genügen sollen, drohen Gefühle von Überforderung und Kontrollverlust, die zu Stressreaktionen mit potentiell ernsthaften Folgen für die Gesundheit führen können. Arbeit wird dann zur Ressource, wenn sie uns anregt, bestätigt, herausfordert und uns in diesem Sinne beweglich und „lebendig“ erhält. Eine sinnstiftende Arbeit trägt nicht nur zu körperlichem, sozialem und psychischem Wohlbefinden bei; sie festigt auch unsere Identität – was uns wiederum hilft, Belastungen zu bewältigen und gesund zu bleiben.

*Ueli Kraft, 1951, Psychologe, Dr. phil. Langjährige Forschungstätigkeit zu Fragen der Berufsbildung (Uni Zürich) und der Arbeitspsychologie (ETH Zürich). 1994-96 Studienleiter am Schweizerischen Institut für Berufspädagogik. Gegenwärtig: selbständige Tätigkeit in der Schulung von Lehrenden in Betrieben, Lehrwerkstätten und Berufsschulen.

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Arbeitslose und Rentner häufiger in Psychiatrischen Kliniken

Freitag, 23. November 2007 · Kommentar schreiben

Der Anteil der Bevölkerung in stationären psychiatrischen Einrichtungen bleibt konstant
Neuchâtel, 23.11.2007 (OBSAN) – Acht von Tausend Einwohnern der Schweiz werden im Verlauf eines Jahres stationär psychiatrisch behandelt. Dieser Anteil ist über die Jahre hinweg relativ konstant geblieben, wie eine neue Studie des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums zeigt.

Erwerbslose Personen sowie solche, die eine Rente beziehen, befinden sich allerdings deutlich häufiger in stationärer psychiatrischer Behandlung als andere Bevölkerungsgruppen. Mit dieser Studie wurden erstmals die schweizweiten Daten der stationären psychiatrischen Patientenstatistik in Kombination mit den Daten der Volkszählung ausgewertet. Ziel war die Bestimmung des Bevölkerungsanteils, der stationäre psychiatrische Behandlungen in Anspruch nimmt. Diese Auswertungen sind für die Kapazitätsplanung psychiatrischer Versorgungseinrichtungen von grosser Bedeutung.

Im Jahre 2004 wurde ein Bevölkerungsanteil von 0,81 Prozent der erwachsenen Personen mit einer psychiatrischen Hauptdiagnose stationär behandelt, also rund 50’000 Personen. Dieser Bevölkerungsanteil liegt in den Jahren 2000 bis 2004 stabil zwischen 0,80 und 0,84 Prozent. Wie andere Studien bestätigt auch die vorliegende Untersuchung, dass die Zahl der stationären Behandlungsepisoden in der Schweiz zunimmt. Das bedeutet, dass eine relativ stabile Anzahl von Patientinnen und Patienten eine zunehmende Zahl an Behandlungen in Anspruch nimmt. Untersucht man einzelne psychische Störungsgruppen, so sind affektive Störungen wie Depressionen oder Manien der häufigste Grund für eine stationäre Behandlung.

Als nächst häufigste Störungsgruppe erweist sich die Alkoholabhängigkeit. Insgesamt überwiegen bei Männern die Abhängigkeitskrankheiten, bei Frauen eher die affektiven Störungen. Für viele der stationär behandelten psychiatrischen Störungen gibt es charakteristische Altersbereiche. Bei den jüngeren Patientinnen und Patienten (15 bis 44 Jahre) sind es – öfter als bei älteren Behandelten – Abhängigkeitserkrankungen, Schizophrenien und Belastungsreaktionen (z.B. auf traumatisierende Ereignisse); bei Personen mittleren Alters (45 bis 64 Jahre) sind es vermehrt Störungen durch Alkohol und Depressionen; bei 65-jährigen und älteren Personen sind ebenfalls affektive Störungen (Depressionen) und vor allem Demenzen häufiger als bei jüngeren Patientinnen und Patienten der Grund für einen stationären Aufenthalt.

Starke regionale Unterschiede wegen unterschiedlicher Bevölkerungsstruktur Insgesamt fallen starke kantonale und regionale Unterschiede auf: In städtisch geprägten Regionen wird eine stationäre psychiatrische Behandlung häufiger in Anspruch genommen als in ländlichen Regionen. So sind im Jahre 2004 in den Kantonen Basel-Stadt und Neuenburg 1,4 Prozent resp. 1,2 Prozent der Bevölkerung stationär psychiatrisch behandelt worden; in den Kantonen Nidwalden und Obwalden dagegen nur rund 0,5 Prozent. Ein Grossteil dieser Unterschiede kann aber durch die Bevölkerungsstruktur (Altersverteilung, Erwerbsstatus, Ausbildung, Nationalität etc.) in den Kantonen erklärt werden. Der Rest ist auf kantonale Unterschiede in den Versorgungsstrukturen und -bedingungen zurück zu führen.

Die Studie des Gesundheitsobservatoriums bestätigt auch frühere Untersuchungen, wonach Personen mit geringerem Bildungsstand, Erwerbslose, Rentenbezüger sowie nicht in fester Partnerschaft lebende Personen häufiger psychisch erkranken und in der Folge stationär behandelt werden müssen. Auffällig ist insbesondere der hohe Anteil der Erwerbslosen. Dieser liegt im Bezug zur Schweizer Bevölkerung rund 16 Mal höher als bei vollzeitlich Berufstätigen.

Das Schweizerische Gesundheitsobservatorium (Obsan) ist eine Organisationseinheit des Bundesamtes für Statistik, die im Rahmen des Projektes Nationale Gesundheitspolitik entstanden ist und von Bund und Kantonen einen Leistungsauftrag erhält. Das Gesundheitsobservatorium analysiert die vorhandenen Gesundheitsinformationen in der Schweiz. Es unterstützt Bund, Kantone und weitere Institutionen im Gesundheitswesen bei ihrer Planung, ihrer Entscheidfindung und in ihrem Handeln.

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Produzierte Armut in Palästina

Donnerstag, 30. November 2006 · Kommentar schreiben

Produzierte Armut

Von Armin Köhli

Von 2000 bis 2005 schrumpfte die palästinensische Wirtschaft um neun Prozent. Und allein im ersten Halbjahr 2006 um noch einmal neun Prozent. Im dritten Quartal dieses Jahres hat sich dieser Abwärtstrend gar noch gesteigert. Diese Zahlen veröffentlichte das Uno-Hilfswerk für palästinensische Flüchtlinge (Unrwa); der Unrwa-Bericht beruht auf Angaben des palästinensischen Amtes für Statistik.

Dass die Wirtschaft schrumpft, hat dramatische Folgen. So stieg die Zahl der Menschen, die in grosser Armut leben, von 650800 in der zweiten Hälfte 2005 auf 1069200 im ersten Halbjahr 2006, eine Steigerung von 64,3 Prozent innert eines halben Jahres. Nun lebt über ein Viertel der PalästinenserInnen in der Westbank und im Gasastreifen in grosser Armut. Das heisst, dass diese Menschen über nicht einmal drei Franken täglich verfügen und dass sie sich die elementars-ten Güter nicht leisten können. Laut der Uno-Nachrichtenagentur Irin ist heute über eine Million von insgesamt 1,4 Millionen EinwohnerInnen des Gasastreifens auf Nahrungsmittel der Unrwa und des Welternährungsprogramms angewiesen. Zu den Hilfsbedürftigen gehören mittlerweile sogar Angestellte der Palästinensischen Autonomiebehörden, weil sie nur noch unregelmässig Lohn erhalten.

Diese Entwicklung hat laut der Studie einen wesentlichen Grund: Die israelische Regierung weigert sich, den palästinensischen Autonomiebehörden Steuern und Zölle zu überweisen, die sie an deren Stelle eingezogen hat. Dieser Vertragsbruch ist zwar nicht neu; schon 2000/2001 und noch einmal 2002 sperrte Israel diese palästinensischen Gelder. Doch damals sprangen arabische Golfstaaten und die Europäische Union mit Hilfsgeldern ein. Aber nach der Parlamentswahl im Januar 2006, als die PalästinenserInnen der islamisch-konservativen Hamas-Bewegung eine Mehrheit verschafft hatten und die Hamas in der Folge die Regierung stellte, suspendierten die meisten westlichen Staaten ihre Budgethilfe und andere Zahlungen an die palästinensischen Behörden. Wer falsch wählt, soll also hungern.

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Menschenhandel in der Schweiz

Samstag, 25. November 2006 · Kommentar schreiben

NZZ 25.November 2006

Fortschritte im Kampf gegen Frauenhandel

Kooperation des Fraueninformationszentrums (FIZ) und der Polizei

1500 bis 3000 Frauen gelangen jährlich über Menschenhändler in die Schweiz, wo sie sexuell ausgebeutet werden. Seit das Fraueninformationszentrum Zürich (FIZ) die Beratungsstelle Makasi betreibt, steigt die Zahl der Strafverfahren gegen in Frauenhandel involvierte Täter.

vö. Die jährlich 1500 bis 3000 Opfer von Frauenhandel, die unter irreführenden Angaben in die Schweiz gelockt werden, landen meistens im Milieu. Bis vor wenigen Jahren ist es kaum zu Anzeigen gekommen, drohte doch den betroffenen Frauen wegen ihres illegalen Aufenthaltsstatus die umgehende Ausschaffung. Um das Verbrechen besser ahnden zu können, hat das Zürcher Fraueninformationszentrum (FIZ) in diversen Kantonen eine enge Zusammenarbeit mit den Polizeikorps, Strafverfolgungsbehörden und Migrationsämtern mitinitiiert. Ein wichtiges Resultat dieser runden Tische ist die eigens für Opfer von Frauenhandel geschaffene Beratungsstelle Makasi, die das FIZ seit zwei Jahren betreibt.

52 Strafverfahren innert kurzer Zeit

Hinsichtlich der initiierten Strafverfahren gegen in Frauenhandel involvierte Täter fällt die Bilanz positiv aus: 2004 haben sich 85 Frauen ans FIZ Makasi gewendet; letztes Jahr liessen sich 116 Frauen beraten. 2006 ist diese Zahl bereits Ende Oktober erreicht worden. Momentan laufen 52 Verfahren wegen Menschenhandels. Möglich geworden ist dies dank der Einigkeit am runden Tisch, das Verbrechen der Menschenhändler stärker zu gewichten als den illegalen Aufenthaltsstatus der Opfer. Bei Verdacht auf sexuelle Ausbeutung oder seit neustem auch auf Ausbeutung der Arbeitskraft werden deshalb die Ausschaffungsmassnahmen vorübergehend ausgesetzt mit dem Ziel eines Gerichtsverfahrens, in dem das Opfer in den Zeugenstand tritt. Während der ganzen Phase werden die Frauen von der Anlaufstelle FIZ Makasi begleitet.

Den Geschichten der Opfer von Frauenhandel, die hauptsächlich aus Asien, Lateinamerika und der Karibik sowie zunehmend auch aus Osteuropa stammen, liegen immer wieder die gleichen Muster zugrunde, wie Doro Winkler, Öffentlichkeitsbeauftragte des FIZ, sagt. So stossen die meisten Frauen bei ihrer Arbeitssuche auf unverfängliche Stellenangebote im Service- oder Haushaltbereich. Eine sich seriös ausgebende Agentur organisiert die Reise. Am Flughafen werden die Frauen vom Arbeitgeber abgeholt und direkt ins Bordell gebracht. Dort erfahren sie, dass sie nun Männer bedienen müssen und erst nach Abzahlen ihrer Schulden – die Vermittlungsgebühr bewegt sich oft in der Höhe von 25 000 Franken – frei sind. Widersetzen sich die Frauen, wird ihnen mit Gewalt gegen ihre Familien gedroht.

Belastende Konfrontationen

Zu FIZ Makasi kommen solche Frauen häufig über die Polizei, die sie bei einer Razzia oder auf der Flucht aufgegriffen hat. Manchmal werden sie auch von Freiern oder von Passanten auf die Beratungsstelle gebracht. Oder sie werden von Spitälern und anderen Beratungsstellen ans FIZ Makasi verwiesen. Das vierköpfige Team leistet zunächst eine erste Krisenintervention, klärt die Frauen über ihre Rechte auf und organisiert eine sichere Unterkunft. Besteht der Verdacht auf Frauenhandel, erhalten die Betroffenen eine einmonatige Bedenkfrist, in der sie entscheiden können, ob sie gegen ihre Drahtzieher aussagen wollen. Sind sie dazu nicht bereit, organisiert die Anlaufstelle die Heimreise. Kommt es zu einem Verfahren, helfen die Beraterinnen den Opfern, dieses durchzustehen. Äusserst belastend ist die Konfrontation mit den Peinigern und die – laut Winkler oft begründete – Angst vor Racheakten. Das afrikanische Wort «makasi» bedeutet denn auch Stärke.

Gemäss einem Rundschreiben des Bundesamtes für Migration könnten die Kantone den betroffenen Frauen ausser einer Kurzaufenthaltsbewilligung auch eine befristete Erwerbstätigkeit gewähren. Für FIZ Makasi wäre dies angesichts der häufig ein bis zwei Jahre dauernden Ermittlungs- und Strafverfahren sehr wünschenswert. Im Unterschied zu anderen Kantonen hat der Kanton Zürich diesen Handlungsspielraum bis jetzt allerdings nicht ausgeschöpft.

Mehr minderjährige Opfer

Auffallend ist die Zunahme der minderjährigen Opfer: Mit acht Mädchen im Alter von 15 bis 17 Jahren und drei 18-jährigen hatte FIZ Makasi dieses Jahr zu tun. Die Betreuung dieser Altersgruppe sei besonders anspruchsvoll, sagt Winkler. Manchmal könne trotz akribischen polizeilichen Ermittlungen keine Anzeige erstattet werden, weil die Lokalitäten wegen der totalen Desorientierung der Betroffenen nicht zu eruieren seien.

FIZ Makasi, das diese Woche den Zürcher Förderpreis für die Gleichstellung von Mann und Frau erhalten hat, ist sehr gut vernetzt. Die Stelle geniesst auch grosse Anerkennung seitens der Polizei. «Weil die Opfer von Frauenhandel Kronzeuginnen im eigenen Verfahren sind, ist ihre psychische Stabilität entscheidend. Deshalb ist die Arbeit des FIZ äusserst wichtig», hält Peter Rüegger, Chef des Kommissariats Ermittlungen bei der Stadtpolizei Zürich, fest. Angesichts der steigenden Zahl der Fälle sei die Dotation von 100 Stellenprozenten völlig ungenügend, sagt Winkler. Das FIZ hofft deshalb, dass der Regierungsrat das kürzlich eingereichte Gesuch zur Anerkennung der bis jetzt über Spenden finanzierten Anlaufstelle bewilligt. Immerhin leben 70 Prozent aller von FIZ Makasi beratenen Frauen im Kanton Zürich.

Aktionstag gegen Gewalt an Frauen

vö. Heute Samstag wird weltweit gegen Gewalt an Frauen protestiert. Eine Pin-Aktion sowie Stände in Zürich, Winterthur und Uster machen darauf aufmerksam, dass Gewalt an Frauen auch im Kanton Zürich eine Realität ist.

Ohne das oben geschriebene irgendwie abschwächen zu wollen, so möchte ich doch der Vollständigkeit halber anmerken, dass bei Gewalt in der Ehe in 10% der Fälle der Mann das Opfer ist. Die Frau als Opfer, der Mann als Täter: Das ist ein Stereotyp, das den männlichen Gewaltopfern das Reden über dieses Tabuthema zusätzlich erschwert.

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Blocher: CH hat Ausländerproblem

Samstag, 25. November 2006 · Kommentar schreiben

Blocher gegen Verpsychologisierung des Seebach-Falls

Bundesrat Christoph Blocher
Bundesrat Christoph Blocher. Foto Keystone

Zürich. AP/baz. Bundesrat Christoph Blocher hat sich nach der Serienvergewaltigung einer 13-jährigen Schülerin in Zürich-Seebach gegen eine Verpsychologisierung der Taten gewandt. Dass es ein Ausländerproblem gebe, sei nicht von der Hand zu weisen, sagte er in einem als vorab veröffentlichten Interview der «Schweizer Illustrierten».

«Ich sehe bereits, dass Fachleute diese schreckliche Tat verpsychologisieren und schönreden wollen», sagte Blocher in dem Interview. Man entschuldige die Täter unter anderem damit, dass sie aus einem anderen Kulturkreis stammten. Wesentlich sei aber, dass Unrecht begangen worden sei und das dies bestraft werden müsse.

Die Strafverfolgung habe in den letzten 20 Jahren in der Schweiz eine zu weiche Linie verfolgt nach dem Motto Therapie statt Strafe, sagte Blocher weiter. Dabei sei Strafe ein Teil der Therapie. Gerade junge Leute müssten spüren, dass sie etwas Verbotenes getan hätten. Beschönigung und Verständnis seien nicht angezeigt.

Für möglichen Entzug der Einbürgerung

Dass es in der Schweiz ein Ausländerproblem gibt, ist laut Blocher nicht von der Hand zu weisen. «Probleme machen uns oft junge Ausländer und eingebürgerte Leute», sagte der Justiziminister. Schwachstellen macht er bei der Einbürgerung aus. Die Einbürgerungsbehörden hätten keinen direkten Zugang zu den Polizeiakten, sondern nur zum Leumundszeugnis.

Und Delikte von Jugendlichen bis 15 Jahren seien nicht im Strafregister eingetragen. So seien beispielsweise bei einem Jugendlichen, der mit 16 Jahren eingebürgert werde, keine Delikte im Strafregister aufgeführt, die er in früheren Jahren allenfalls begangen habe. «In einem schlimmen Fall müsste einem jungen Ausländer die Einbürgerung wieder entzogen werden können. Notfalls müsste eine solche Person das Land verlassen, eventuell sogar die ganze Familie», sagte Blocher in Unterstützung von entsprechenden Forderungen aus den Reihen seiner Partei.

Integrationsprojekte seien zwar wichtig, erklärte er weiter. Er warne aber davor, die Integration als allein selig machende staatliche Massnahme anzusehen. Es gehe um die Einstellung zu Recht und Unrecht, die Leute müssten die Schweizer Gesetze und ihre Kultur akzeptieren.

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